Nebenbahnbetrieb 1956

Nebenbahnbetrieb Mitte der 1950ziger Jahre – eine kleine Zeitreise

von Ingo Ehrlich
Auf der Fahrt von Marktredwitz nach Hof an der Saale wird der kleine Bahnhof Kirchenlamitz Ost durchquert. Einst war Kirchenlamitz Ost ein kleiner Bahnknoten mit eigener Bahnmeisterei. Führte doch von hier eine nur 12,1 km lange Nebenbahn ab dem 20. Juli 1899 nach Weißenstadt in das Fichtelgebirge.
Früher rollten Züge nach Berlin, Breslau, Krakau, Warschau, Wien, Triest und Rom durch den kleinen Knotenbahnhof, ehe der Landstrich durch seine nahe Lage an der deutsch-deutschen Zonengrenze verkehrsmäßig vollständig ins Abseits geriet.
Am Beispiel der am 01.01.1994 vollständig stillgelegten und heute abgebauten Strecke wollen wir stellvertretend den Betrieb Mitte der 1950ziger Jahre auf einer Nebenbahn darstellen:

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Fahrplan Sommer 1956, gültig vom 3.6. bis 29.9.1956

Nach Ende des 2. Weltkrieg beherrscht die kleine Nebenbahn noch für die folgenden cirka 15 Jahre das Verkehrsgeschehen ihrer Region bevor das Wirtschaftswunder und der zunehmende Wohlstand zu einem Abwenden der Reisenden weg von der Eisenbahn hin zum Moped oder später Personenkraftwagen führt.

Noch aber wird die Nebenbahn für den täglichen Verkehr gebraucht, wobei der Hauptverkehr in Richtung Hof ausgerichtet ist und in Oberkotzau Anschlüsse nach Bayreuth und Selb bestehen, aber in Kirchenlamitz Ost auch über Marktredwitz in die „weite Welt“ nach Regensburg oder Nürnberg gefahren werden kann.

Mitte der 1950ziger Jahre sind bei der Deutschen Bundesbahn im Endbahnhof Weißenstadt noch zwei Lokführer und zwei Heizer beschäftigt, die sich bei den zwei Dienstschichten abwechseln. Im aus heimischen Granit errichteten Bahnhofsgebäude kümmert sich der örtliche Betriebsbeamte um die Zugabfertigung und den Fahrkartenverkauf. Daneben gibt es noch einen Güterbodenarbeiter , der auch im Rangierdienst aushilft, sowie zwei Schaffner für die Zugbegleitung.

Es ist Werktags im Juni 1956. Um 5 Uhr früh brennt in der Dienstwohnung des Betriebsbeamten im heimeligen Bahnhofsgebäude von Weißenstadt schon Licht als der Heizer mit dem Fahrrad am Bahnhof eintrifft. Im zweiständigen Lokschuppen steht eine von der Deutschen Reichsbahn beschafften Einheits-Dampflokomotive der Baureihe 64 unter nächtlichem Ruhefeuer. Noch ist bis zur Abfahrt des einzigen Frühzuges etwa eine Stunde Zeit um ordentlich nachzufeuern. Eine Dreiviertelstunde später erscheint der Lokführer, der rasch seine Müdigkeit abstreifen muss, gilt es doch die Lok durchzusehen. Wehe, wenn jetzt die Luftpumpe nicht anspringt oder der Kesseldruck nicht ausreicht. Aber routinemäßig ist mit der Lok alles in Ordnung. Wie im Dienstplan vorgesehen rollt die Maschine um 6 Uhr früh aus dem Lokschuppen. Nach dem Ansetzen an die über Nacht abgestellte Wagengarnitur reicht es für die Dampfheizung eben noch, einen Hauch Wärme in die Personenwagen zu bringen. Schlafwandlern ähnlich huschen die ersten Berufspendler zum Zug und nutzen die Fahrt nach Kirchenlamitz Ost erst einmal um noch einmal etwas Schlaf nachzuholen. Die letzte Nacht war wohl wieder etwas kurz geworden.

Kurz vor der planmäßigen Ankunftszeit 6.38 Uhr ruft der Lokführer dem Heizer zu „Einfahrt frei“, was der Heizer vorschriftsgemäß mit „frei“ bestätigt. Viel Zeit bleibt für unser Personal nicht in Kirchenlamitz Ost. Erst muss Wasser genommen werden, dann setzt die Lok über das kurze Umfahrungsgleis um. Jetzt gibt es eine kleine Pause für das Personal von 6.45 Uhr bis 7.10 Uhr, denn dann heißt es die am frühen Morgen über die Hauptbahn angekommenen Güterwagen an die Personenwagengarnitur zu hängen. Pünktlich um 7.45 Uhr verlässt der Zug nach der Bremsprobe den Bahnhof und macht sich schwer schnaufend als GmP (Güterzug mit Personenbeförderung auf den Weg in das etwas höher gelegene Städtchen Kirchenlamitz. Dort ist erst einmal Rangieren angesagt, denn es gilt die werktäglichen Güterwagen für die örtliche Porzellanfabrik bereit zu stellen. Diese werden dann von der werkseigenen kleinen Diesellok abgeholt.

Als Reisender sollte man schon etwas Geduld mitbringen, bis sich nach der obligatorischen Bremsprobe unser Zug wieder weiter auf den weg nach Weißenstadt macht. Aber der Fahrplan des Zuges ist mit einer Gesamtfahrzeit von 48 Minuten für die 12,1 km lange Fahrt ausreichend üppig bemessen. Weißenstadt wird jedenfalls pünktlich um 8.33 Uhr erreicht. Jetzt wird wieder rangiert und um 10 Uhr ist schließlich Dienstende für die erste Schicht. Unsere Dampflok darf sich erst einmal ein paar Stunden im Lokschuppen ausruhen.

Kurz nach 15 Uhr erscheint die andere Lokmannschaft. In der Zwischenzeit waren die produzierenden betriebe recht fleißig. Nun sind in den zahlreichen Privatanschlussgleisen beladene Waggons abzuholen und neue leere Wagen bereit zu stellen. Oft handelt es sich um Holz für Bergwerksgruben oder Granit für die im Aufschwung befindliche Bauindustrie.
Die Wagen selbst werden erst mit dem übernächsten Zug, der auch schon der letzte des Tages ist, nach Kirchenlamitz Ost gehen. Vorher wird noch für den Berufsverkehr ein Zugpaar gefahren, das in Weißenstadt um 17.33 Uhr abfährt und um 18 Uhr in Kirchenlamitz Ost ankommt. Wieder ist Wasser zu nehmen und umzusetzen. Um 18.28 Uhr geht es wieder zurück nach Weißenstadt. Während die reisenden aus Hof schon 23 Minuten vorher in Kirchenlamitz Ost eingetroffen ist, müssen sich die Fahrgäste des N 1209 bei 3 Minuten Umsteigezeit schon beeilen. Ob wirklich jemand mit dem N 1209 schon um 13.14 Uhr ab Regensburg mitgefahren ist? Dafür geht die Fahrt mit dem „Bockel“ recht schnell nach Weißenstadt, das schon um 18.55 Uhr erreicht wird. Jetzt wird die Personenwagengarnitur geschwächt, so nennt man das Abhängen von zwei Wagen, die bei den wenigen Reisenden um diese Zeit nicht benötigt werden. Damit bleibt der Lok auch mehr Kraft für die dafür mitzunehmenden Güterwagen. Schon um 19.17 Uhr geht es samt Güterwagen wieder Richtung Kirchenlamitz-Stadt. Dort wird erst einmal 15 Minuten hin- und herrangiert, Das gleiche Programm steht dann in Kirchenlamitz Ost an der Hauptstrecke an. Jetzt werden die Güterwagen je nach Richtung aufgestellt, damit sie von den abendlichen Nahgüterzügen weiter an ihre Bestimmungsorte transportiert werden können.
Bevor unser Personal nach Hause fahren darf gibt es eine Zwischenleistung zwischen dem Hauptstrecken- und dem Stadtbahnhof von Kirchenlamitz.  Diese kurze Fahrt verlässt Kirchenlamitz Ost um 21.13 Uhr und erreicht diesen Bahnhof wieder um 22 Uhr. Jetzt muss noch einmal rangiert werden, die Nahgüterzüge der Hauptstrecke hatten auch heute wieder noch Wagen für die Nebenbahn parat.

Es ist schon recht spät als unser Zug nun um 22.40 Uhr heute letztmals Kirchenlamitz verlässt und im Stadtbahnhof noch den Gaskesselwagen für die Porzellanfabrik abhängt.
Der Schaffner rechnet während der Bremsprobe zum wiederholten Male heute die Bremshundertstel des Zuges aus und um 23.23 Uhr wird endlich Weißenstadt  erreicht. Nun wird noch einmal rangiert und die nachmittags abgehängten Personenwagen werden wieder für den morgendlichen Frühzug angehängt. Um Mitternacht ist endlich Ruhe eingekehrt, die Lok ist bekohlt, die Lager sind abgeschmiert.
Die Laufleistung der Lok an diesem Tage betrug 122 km inklusive aller Rangierfahrten.
Welche der beiden Dienstschichten möchten Sie übernehmen? War das die gute alte Zeit?
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