Reisezugwagen

Zwischen Neubau und Altbeständen – Reisezugwagen für das In- und Ausland

von Thomas Böttger

Obwohl die DDR über eine leistungsfähige Schienenfahrzeug-Industrie zur Produktion von Reisezugwagen, mehreren Standorten verfügte, zog man neben der Neubeschaffung auch ein groß angelegtes Rekoprogramm durch.

Noch kurz vor dem Ende der DDR wurde für die Städteexpresszüge ein Nachfolgefahrzeug konzipiert, wobei auch eine neue Farbgebung in  rot/grau vorgesehen war. Eines dieser Fahrzeuge vom Typ Amz wurde auf der IVA 1988 in Hamburg vorgestellt. Foto Sepp Mauerer

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Da insbesondere für den Berufsverkehr ein hoher Bedarf an Sitzwagen bestand, entschloss sich die Deutsche Reichsbahn neben der Neubeschaffung zur Rekonstruktion vorhandener älterer Länderbahnwagen. Anfang der 1960er entstanden unter Verwendung von 2- und 3-achsigen Fahrgestellen. Bei einigen Rekowagen verzichtete man auch die doppelten Sitzbankreihen an deren Enden, um den Transport von Traglasten zu ermöglichen. In die Seitenwände integrierte man jeweils eine Schiebetür. Da automatische Schließsysteme noch in weiter Ferne lagen, sah man im Sommer auch ab und zu derartige Wagen mit offener Tür herumfahren.  Der Fahrkomfort dieser Rekowagen war, vor allem bei schlechtem Oberbau, äußerst mäßig. Schnell hatte sie Namen wie „Donnerbüchsen“, „Hutschachteln“ oder „Genickschusswagen“ weg. Letzterer kam dadurch zustande, weil die Rückenlehne des etwas steif wirkenden Rohrgestühls unterhalb der Nackenpartie endete und an Assoziationen an ein entsprechendes Vollstreckungsgerät weckte. Sie bestimmten lange Zeit den Reisekomfort auf DR-Nebenbahnen und strahlten noch etwas vom Flair der „ursprünglichen“ Eisenbahn aus. Passend dazu entstanden zwei- und dreiachsige Gepäck- und Bahnpostwagen, so dass diese Garnituren, vielmals mit einer Tenderlok oder einer V 100 bespannt, ein harmonisches Bild abgaben.

Aber auch vierachsige Abteilwagen unterzog man einer Rekonstruktion, wobei altbrauchbare Teile weiterhin Verwendung fanden. Da diese für eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h zugelassen wurden, waren sie meist im Regionalverkehr auf Hauptstrecken oder auf kurzen Schnellverbindungen zu finden. Aus verschiedenen D-Zug-Wagentypen der Einheitsbauart entstanden so genannte Modernisierungswagen, welche sogar im internationalen Verkehr eingesetzt wurden. Die Wagenkästen konstruierte man hierbei entsprechend der Neubauwagen. Auf der Basis dieser Vierachser entstand sogar ein Büfettwagen, mit welchem beispielsweise im Städte-Schnellverkehr gefahren wurde. Eingesetzt zwischen Reisezugwagen aus dem Neubauprogramm, fielen diese Fahrzeuge durch die vom Gesamtbild abweichenden Abmessungen auf. Zuständig für die Rekonstruktion von Reisezugwagen war das Raw Halberstadt, welches bis zum Umbau der Schiebebühne nur relativ kurze Vierachser (Länge über Puffer 18,7 m) auslieferte. Später modernisierte Wagen waren dann 26,4 m lang, deshalb sprach man auch von „kurzen“ und „langen Halberstädtern“.

Aber auch Neubauwagen aus den Waggonbetrieben der DDR, welche auch hohe Exportverpflichtungen zu erfüllen hatten, lösten nach und nach die überalterten Bestände ab.

Der größte Betrieb im VEB Kombinat Schienenfahrzeuge war der VEB Ammendorf, hervorgegangen aus der Wagenfabrik von Gottfried Lindner. Dieses Unternehmen hatte sich besonders auf die Herstellung von Weitstreckenwagen für die Sowjetunion spezialisiert. Mit Hilfe der Besatzungsmacht begann hier bereits 1947 die Entwicklung von Weitstrecken-Personenwagen. Ebenso entstand der Omnibus H 3 (H = Horch), Schmalspur-Reisezugwagen für Ägypten und Griechenland sowie Triebwagenprototypen die Berliner S- und U-Bahnen den Werkhallen des Hallenser Vorortes. Bis zum Jubiläumsjahr der deutschen Eisenbahn, 1985 waren für die sowjetischen Bahnen bereits über 23.000 Reisezugwagen produziert worden.

Eine besondere Tradition hatte der VEB Waggonbau Bautzen aufzuweisen, an dessen Standort entstand bereits 1907 der erste Ganzstahlwagen in Europa überhaupt. Nach 1950 umfasste das Produktionsprogramm neben Doppelstockbussen für Berlin auch Dieseltriebwagen und Mitteleinstiegswagen für die DR. Später verließen hier vor allem Sitzwagen für den internationalen Eisenbahnverkehr die Werkhallen. Auch Speise-, Schlaf- und Salonwagen gehörten zum Produktionsprogramm der Oberlausitzer. Besonders erwähnt seien hierzu auch die orange-elfebein-farbigen Städtexpresswagen der Deutschen Reichsbahn, welche in Bautzen entstanden sind.

Nur wenige Kilometer östlich davon produzierte der VEB Waggonbau Görlitz, einst entstanden im Jahre 1849 unter Christoph Lüders. Nach der Enteignung der „Waggon- und Maschinenbau Aktiengesellschaft Görlitz“ (WUMAG) durch die Sowjets firmierte man ab März 1947 unter „LOWA Görlitz“. Bekannt war das Unternehmen bereits vor dem II. Weltkrieg durch die Dieseltriebwagenherstellung. So entstand beispielsweise der zweiteilige „Fliegende Hamburg“ 1931/32 an der späteren Ostgrenze Deutschlands. Eine Spezialität des Werkes sind die Doppelstockzüge, welche man bereits ab den 1930er Jahren hier baute.  Internationale Maßstäbe setzten die Görlitzer auch mit ihren Drehgestellkonstruktionen, welche für Höchstgeschwindigkeiten bis 200 km/h geeignet waren. Geliefert wurden ab 1950 vor allem Schlaf- und Speisewagen für europäische und asiatische Bahnverwaltungen. Als Produkte für die deutsche Reichsbahn seien neben den bereits erwähnten Doppelstockwagen die Diesel-Schnelltriebwagen der BR 175 erwähnt, welche zum Jahre 1891 auf überwiegend internationalen Verbindungen eingesetzt wurden.

Der VEB Waggonbau Dessau, gegründet 1895 als „Deutsche Gasbahngesellschaft“ hat sich nach 1950 auf die Herstellung von Kühlfahrzeugen aller Art spezialisiert. Auch Dieselmannschaftswagen mit den Diesel-Generator-Aggregaten für die Kühlzügen sowie Aufenthalts- und Sozialräumen entstanden hier die internationale Kundschaft.

Hauptsächlich mit der Produktion von Güterwagen war der VEB Waggonbau Niesky tätig. Hervorgegangen aus einer im Jahre 1835 gegründeten Kupferschmiede baute man hier ab 1917 Schienenfahrzeuge. Zur DDR-Zeit entstanden in Niesky etliche Sonderfahrzeuge sowohl für europäische als auch asiatische Bahnen, so beispielsweise Containertragwagen, Gleichrichterwagen, Selbstentladewagen, Autotransportwagen u.a.

Erst nach dem II. Weltkrieg entstand der VEB Waggonbau Altenburg als kleinster Betrieb der Branche in der DDR. Zuständig war man hier für die Reparatur und Neufertigung von Großbetrieben der chemischen und Braunkohlenindustrie. Für die Deutsche Reichsbahn entstanden hier vor allem verschiedene Sondergüterwagen.

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