Museumslokomotiven

Die Museumslokomotiven – mobile Herkunft mit staatlich garantierter Zukunft

von Thomas Böttger

Bereits am 10. Dezember 1966 erließ das Ministerium für Verkehrswesen der DDR die Verfügung „Erhaltung von Dampflokomotiven für Museumszwecke“. Damals standen markante 27 Maschinen auf der Liste, welche man nach verschiedenen Gesichtspunkten ausgewählte und mit „Weisung von oben“ vor der Verschrottung bewahrte. Da jedoch die Dampftraktion den Alltag bei der DR noch bestimmte blieb das öffentliche Interesse daran vorerst noch gering.

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Zuständig für die Sammlung und Bewahrung von Sachzeugen der Verkehrsgeschichte war in der DDR das 1952 gegründete Verkehrsmuseum Dresden, welches direkt dem Ministerium für Verkehrswesen unterstellt war. In Sachen Eisenbahngeschichte hatte der Standort Dresden schon Tradition, denn bereits um 1900 begannen die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen mit der Zurückstellung von historisch wertvollen Fahrzeugen im Bahnbetriebswerk Dresden-Neustadt. Leider hatte die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft dafür kein Verständnis und ließ diese Sammlung um 1925 komplett verschrotten (Parallelen aus der Gegenwart sind natürlich rein zufällig). Zumindest die Bilddokumente aus diesem sächsischen Eisenbahnmuseum gingen später in den Bestand des Verkehrsmuseums über.

Da die Deutsche Reichsbahn in den 1960/70er Jahre noch kein komplettes Bahnbetriebswerk für die Sammlung von Museumslokomotiven zur Verfügung stellen konnte, brachte man diese ausgewählten Fahrzeuge an verschiedenen Standorten, verstreut in der ganzen Republik unter.  Als vom 16.-20. August 1971 der XVIII. MOROP-Kongress mit Teilnehmern aus 16 europäischen Staaten in Dresden stattfand, wurde diese Lokomotiven erstmals im Bahnhof Radebeul Ost dem staunenden internationalen Publikum gezeigt.

Später nahm sich das Verkehrsministerium der DDR nochmals dieser Sache an und führte Untersuchungen zur Unterbringung und zur Finanzierung des Eisenbahnmuseumsparks durch. Auf Grundlage dieser Ergebnisse wurde 1975 die „Ordnung für Eisenbahnmuseumsfahrzeuge“ in Kraft gesetzt. Nach dem Stand des Jahres 1979 umfasste diese Festlegung bereits 31 Dampflokomotiven, fünf Triebfahrzeuge der Elektrotraktion, drei Diesellokomotiven, drei Fahrzeuge der Berliner S-Bahn, 29 regelspurige Reisezug- und Güterzugwagen sowie 47 Wagen der Schmalspurbahnen. Staatlich reglementiert wurden damit die Instandhaltung, die Aufstellung sowie der Einsatz bei Sonder- und Traditionsfahrten. Die Ordnung umfasste zwei Kategorien, nämlich museumsgerecht aufzustellende und betriebsfähige Fahrzeuge. Bei letzteren hatte die Deutsche Reichsbahn für die ständige Betriebsfähigkeit Sorge zu tragen. Eine Rückstellung von der Ausbesserung oder gar Ausmusterung wurde damit ausgeschlossen. Da sich die DR mit dem Ende der Altbau-01-Ära im Bahnbetriebswerk Dresden Altstadt ab 1977 langsam zurückzog, konnte hier ein großer Teil der Eisenbahnfahrzeuge des Verkehrsmuseum Dresden untergestellt werden. Andere museale Fahrzeuge verblieben bei verschiedenen anderen DR-Dienststellen und kamen im Zuge der „Ölkrise“ in den 1980er Jahre teilweise sogar nochmals zu Plandampfehren.

Da die Gründung von Vereinen in der DDR nicht möglich war, fielen alle Hobby-angelegenheiten in Sachen Eisenbahn dem Deutschen Modelleisenbahnverband der DDR (DMV) zu. Die Struktur des DMV entsprach denen der Reichsbahndirektionen, Gründung von Arbeitsgemeinschaften konnte nur unter diesem Dachverband erfolgen. Bezeichnet wurden diese AG´s mit einem Nummernschlüssel, beispielsweise verbarg sich hinter der „AG 3/73“ die 73. Arbeitsgemeinschaft (in chrologischer Folge entsprechend der Gründung) im Reichsbahndirektionsbezirk 3 (3 = Dresden). Unterstützt wurde die Erhaltung der Museumsfahrzeuge auch durch Freizeitarbeit zahlreicher DMV-Mitglieder (ähnlich der heutigen BSW-Gruppen). Der Erwerb von historischen Eisenbahnfahrzeugen durch Arbeitsgemeinschaften oder Privatpersonen war im Prinzip für DDR-Bürger unmöglich. Zumindest einem Berliner Lokführer ist es aber gelungen die 80 009 (Werklok Raw „Einheit“ Engelsdorf) nach ihrer Abstellung gegen eine entsprechende Menge Schrott zu tauschen. Dazu gehörte damals aber die richtige Portion „Vitamin B“ und viel Glück. Die Abholung kam nämlich nur zustande weil der Verkehrsminister gerade Urlaub hatte und eine schnelle Entscheidung getroffen werden musste! Sogar die Kesselfrist wurde durch den Prüfer des Reichsbahnausbesserungswerkes verlängert, so dass die Lok problemlos mit eigner Kraft Richtung Hauptstadt dampfen konnte. Nach der Rückkehr an seinem Schreibtisch soll der Herr Minister deswegen einen Anfall von Tobsucht bekommen haben. Jedenfalls steht das gute Stück heute noch in einem Berliner Gartengrundstück.

Leichter hatten es da die Museumsbahnvereine aus dem „Westen“, welchen die Deutsche Reichsbahn regelmäßig Offerten zum Kauf von ausgemusterten Dampflokomotiven unterbreitete. Gegen harte Währung durften da sogar solche Maschinen die Republik verlassen, welche ehrenamtlich von DR-Angehörigen gepflegt worden sind.

Neben den Museumslokomotiven gab es bei der Deutschen Reichsbahn noch eine Reihe von „Traditionslokomotiven“. Da waren meist Dampflokomotiven, welche nicht in der Museumsfahrzeug-Ordnung aus dem Jahre 1975 enthalten waren und kollegial von Eisenbahnern in der Freizeit betreut wurden. Vielmals handelte es sich hierbei um Heizlokomotiven, welche den Weg zwischen Schuppen und Bekohlung mit eigner Kraft zurücklegten. Deswegen sorgte die DR auch hierbei für einen betriebsfähigen Zustand, so dass solche Lokomotiven auch weiterhin bei Traditionsfahrten eingesetzt werden konnten.

Für andere ausgemusterte Maschinen fand sich noch Verwendung als Dampfspender in den verschiedensten  Betrieben. Zwar entfernte man dabei alle nicht mehr benötigten Teile, aber einige der heute zahlreich vorhandenen Museumslokomotiven sind auf diese Art und Weise der Verschrottung entgangen.

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