Fährverkehr

Der Fährverkehr der DR – über die Ostsee in die weite Welt

von Thomas Böttger

Bedingt durch die geographischen Gegebenheiten war es im Gebiet der späteren DDR nicht möglich direkte Eisenbahnverbindungen mit den skandinavischen Nachbarländern herzustellen. Naturgemäß endeten die Schienenstränge auf beiden Seiten an den Kais der Ostseehäfen. Insbesondere das zeit- und kostenaufwändige Umladen von Gütern und Postsendungen auf Schiffe stellte nervte auf Dauer und stellte die Wirtschaftlichkeit solcher Verkehrswege in Frage. Deshalb suchte die Eisenbahn auch hier nach Möglichkeiten um Schienenfahrzeuge mit speziellen Fährschiffen über die Ostsee zu trajektieren. Bevor es soweit war hatte 1882 erstmal die Eisenbahnbinnenfährverbindung Stralsund – Altefähr/Rügen als erste in Deutschland ihre Premiere. Auf diese kurze Linie konnte 1936 mit Eröffnung des Rügendammes verzichtet werden.

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Der frühere bedeutende Badeort auf der Insel Rügen, Saßnitz, war Endpunkt einer Eisenbahnverbindung und besaß bereits um 1900 einen großzügig ausgebauten Hafen. Auch Trelleborg, eine kleine Hafenstadt im südlichsten Zipfel von Schweden verfügte über eine gute Infrastruktur. Deshalb begann am 6. Juli 1909 der Trajektverkehr über die Ostsee zwischen diesen beiden Orten, mehrere Eckpunkte hatte man dafür in Erwägung gezogen.

Nachdem die Trümmer des II. Weltkrieges halbwegs beräumt waren konnte nach einer mehrjährigen Zwangspause im März 1948 der Fährverkehr mit drei schwedischen Schiffen wieder aufgenommen werden. Zum 50jährigen Jubiläum der Linie, im Jahre 1959, stellte die Deutsche Reichsbahn (der DDR) ihre erste Fähre „Saßnitz“ in Dienst. Da das Verkehrsaufkommen immer mehr stieg setzte die DR ab 1963 auch das neu gebaute Kombi-Fährschiff „Warnemünde“ auf dieser Route ein. Als technische Besonderheit verfügte es sowohl über Bug- und Heckklappe. Damit war es auch für den Einsatz auf der Warnemünde-Gedser-Linie geeignet. Denn in Saßnitz und Trelleborg liefen die Fährschiffe rückwärts in die Häfen ein, hingegen in Warnemünde und  Gedser dockte man vorwärts an. Im Jahre 1971 folgte dann das dritte Eisenbahnfährschiff die „Stubbenkammer“, konzipiert als Eisenbahn- und Lastkraftwagenfähre. Mit der „Rügen“, gebaut 1972 auf der volkseigenen Rostocker Neptunwerft, verfügte die Deutsche Reichsbahn schließlich über ein weiteres leistungsfähiges Fährschiff, welches gemeinsam den Schiffen der Schwedischen Staatsbahnen im Linienverkehr eingesetzt wurde.

Vom normalen DDR-Bürger konnten diese Schiffe aber nicht betreten werden, denn die Reisefreiheit Richtung „Kapitalismus“ blieb ihnen bis zur „Wende“ verwehrt. Bis Anfang der 1960er Jahre blieb zumindest noch die Mitfahrt auf den Fährschiffen gestattet. Da die DDRler in Schweden nicht mit an Land gehen durften, suchten einige Wagemutige ihren Weg in die „Freiheit“ durch einen kühnen Sprung in das Hafenbecken von Trelleborg. Damit hatte sich das Ganze dann irgendwann erledigt. Auch das Betreten des Saßnitzer Fährhafens war für „Normalbürger“ verboten, äußert beliebt war aber das Beobachten des Fährbetriebes von der höher gelegen Seestraße aus. Hier standen immer wieder Ostseeurlauber und schauten durch den eisernen Zaun, denn zumindest das Träumen von unerreichbaren Reisezielen konnte der Staat mit dem Wörtchen „Demokratisch“ in der Mitte nicht verwehren ...

Der große Erfolg dieser Fährverbindung war in jener Zeit nur darauf zurückzuführen, weil die DDR ein äußert preiswertes Transitland war. So nahmen beispielsweise die Skandinaven auf der Fahrt in den Italien-Urlaub lieber die Holperpisten im Osten Deutschlands  in Kauf, als bundesdeutsche Preise bezahlen zu müssen. Denn im Vergleich dazu waren die Kosten für eine DDR-Passage mit Verpflegung und Hotelzimmer äußerst moderate. Hinzu kam die diplomatischen Beziehungen DDR - Schweden wesentlich entspannter waren, als zwischen den beiden deutschen Staaten.

Stets im Schatten der stark frequentierten Saßnitz-Trelleborg-Linie stand die im Dezember 1900 eingerichtete Trajektverbindung Warnemünde –Gedser. Sicherlich lag das wohl daran, dass der größte Teil des Eisenbahnverkehrs zwischen Deutschland und Dänemark auf der kürzeren „Vogelfluglinie“ über die Insel Fehmarn abgewickelt wurde. Nach Kriegsende legten hier sogar die Fährschiffe aus Trelleborg an, weil der zerstörte Saßnitzer Hafen nicht angelaufen werden konnte. Auch war der Rügendamm 1945 durch die Wehrmacht gesprengt wurden, was den Schienenverkehr auf die Insel noch zusätzlich erschwerte. Der normale Eisenbahnfährbetrieb kam hier im Mai 1947 mit dem dänischen Schiff „Danmark“ wieder in Gang. Bedeutsam blieb auch diese Linie nur für den Transit. Da für die Bedienung der Warnemünde-Gedser-Linie stets ein Fährschiff genügte setzte die DR ab 1963 jeweils für ein halbes Jahr die besonders konstruierte Fähre „Warnemünde“ ein. Den restlichen Fährbetrieb übernahm dann ein Schiff der Dänischen Staatsbahnen.

Die jüngste Eisenbahnfährverbindung der Deutschen Reichsbahn war die Linie von Mukran (Ortsteil von Saßnitz) ins russische Klaipeda, welche 1986 eröffnet wurde. Der Hintergrund dieses Verkehrsprojektes war die Umgehung der politisch „unzuverlässigen“ Volksrepublik Polen im Schienenverkehr zwischen DDR und Sowjetunion. Insbesondere mit der Gründung der staatsunabhängigen Gewerkschaft „Solidarnosz“ und der Einführung des Streikrechtes erweckten die Polen das ständige Misstrauen der hohen Genossen. Schon 1981 hatte die Honecker-Regierung ziemlich verschnupft reagiert, indem der visafreie Grenzverkehr zum befreundeten Nachbarn jä beendet wurde. Reisen nach Polen waren fortan noch mit „persönlicher Einladung“ oder für geführte Touristengruppen möglich.

Immerhin war die DDR für die Sowjetunion die wichtigste Bastion an der NATO-Außengrenze. Auch konnte die kleine Republik auf den „großen Bruder“ als Rohstofflieferant und Handelspartner nicht verzichten. Das zeigt schon die Wichtigkeit einer störungsfreien Verkehrsverbindung zwischen den beiden „Bruderländern“. Bis 1989 fuhren auf dieser Linie fünf Fährschiffe und jährlich wurden etwa Millionen Tonnen Fracht umgeschlagen. Da im Hafengelände neben 40 Kilometer Regelspurgleisen auch 20 Kilometer Breitspur vorhanden waren, spurte die DR einige Rangierlokomotiven der BR 106 auf 1.520 mm um. Das waren übrigens die einzigen Breitspurlokomotiven welche jemals in Deutschland verkehrten. Neben den Transport von zivilen Gütern hatte diese Eisenbahnfährverbindung auch hohe militärische Bedeutung. Das diese aber erst mit Abzug der Sowjetarmee aus Deutschland bis 1994 richtig zum Tragen kam ist nun Ironie der Geschichte. Auch heute noch hat der drittgrößte deutsche Seehafen Bedeutung für den Eisenbahnfährverkehr, obwohl der Standort bei der DB AG schon zur Disposition stand. Durch Ausweitung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen wird er heute als „Juwel“ betrachtet. Auch konnte durch Eröffnung des neuen Skandinavienterminals 1998 auf den Weiterbetrieb des alten Fährbahnhofes am Saßnitzer Stadthafen verzichtet werden.

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