Berufsstand Eisenbahner

Der Berufsstand Eisenbahner bei der DR - Was des Volkes Hände schaffen...

von Thomas Böttger

Seit dem Jahre 1951 beging man in der DDR jeweils am zweiten Sonntag im Juni den „Tag des deutschen Eisenbahners“. An diesem Ehrentag erhielten ausgesuchte Reichsbahnangehörige verschiedene Auszeichnungen, wie beispielsweise „Verdienter Eisenbahner der DDR“ oder die „Verdienstmedaille der DR“. Eigentlich knüpfte man damit an eine Tradition aus dem „Dritten Reich“ an. Denn am 7. Dezember 1943 wurde im Berliner „Theater des Volkes“ ein Führerbefehl verlesen, welcher dieses Datum zum ersten „Tag des deutschen Eisenbahners“ bestimmte. Damals sollten vor allem die Verdienste der Reichsbahner im Kriege gewürdigt werden.
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Ab dem Jahre 1975 führte man an diesem Tag zugleich den „Tag der Werktätigen des Verkehrswesens“ ein, das Wörtchen „deutsch“ war schon vorher aus der Bezeichnung dieses Anlasses verschwunden. Der Ehrentag diente zur Herausbildung eines gewissen Berufsethos, zugleich bedankte sich Staat und Gesellschaft für die geleistete Arbeit der „Helden mit dem Flügelrad“. Es wurden sogar Wettbewerbe zwischen den Reichsbahnämtern zur Senkung von Zugverspätungen geführt. Damit aber nicht genug, denn bis zum „Tag des Eisenbahnern“ sollten dann die Verspätungen im Reiseverkehr vollständig (!) beseitigt sein. Natürlich wurde auch den sowjetischen Kollegen, ganz offiziell versteht sich, gedankt. Denn die DR hatte viele Arbeitsmethoden aus dem Lande Lenins übernommen, so unter anderem auch die „Aktivisten“-Bewegung und den Dispachterdienst. Der Ehrentag war auch ein guter Anlass den Eisenbahnern Selbstverpflichtungen abzunehmen, insbesondere zu „eiserner“ Arbeitsdisziplin und „erhöhter“ Wachsamkeit.  In Ortschaften mit hohem Anteil von Eisenbahnern nahm man das, zumindest an der Basis, weniger politisch und feierte regelrechte Volksfeste. Natürlich sprach man dabei auch mehr oder weniger dem Alkohol zu.  In der DDR wurde Einsatz- und Leistungsbereitschaft nicht nur entsprechend finanziell gewürdigt, sondern eben auch ideell. Schließlich erforderte der Aufbau des Sozialismus „Persönlichkeiten neuen Typs“, welche nicht nur wegen des schnöden Geldes ihren „Job“ machen (wie das vielmals in der heutigen Bundesrepublik kennen). Wie nun die Herausbildung einer sozialistischen Persönlichkeit konkret geschehen soll, darüber gibt uns eine der DDR-Staatschef Honecker auf dem VIII. Parteitag der SED Auskunft: „Eines der edelsten Ziele und eine der größten Errungenschaften der sozialistischen Gesellschaft ist die allseitig entwickelte Persönlichkeit. Dabei handelt es sich um ein Ziel, das erst in ferner Zukunft erreicht wird ... Sozialistische Persönlichkeiten entwickeln sich in ihrem Arbeitskollektiv, im Ringen um höchste Ergebnisse im sozialistischen Wettbewerb, beim Lernen, im Sport und bei der Aneignung der Schätze der Kultur, bei der Teilnahme an der Leitung und Planung unserer Gesellschaft auf allen Gebieten“.

Das kann man natürlich sehen wie man will, anderseits war aber das soziale Klima bei der Deutschen Reichsbahn der DDR wesentlich gemäßigter als wir es von der heutigen Arbeitswelt her kennen. Eisenbahner kamen hier meist auf 40 oder gar 50 Dienstjahre, mitunter setzen Kinder oder Enkel die Berufstradition der Familie fort. Bei der Eisenbahn tätig sein bedeutende aber auch vielmals den Verzicht auf das freie Wochenende und Einschränkungen im Familienleben. Deshalb suchte die Deutsche Reichsbahn ständig Auszubildende und Arbeitskräfte, da vielen eine Anstellung in der „volkseigenen“ Industrie mit geregelter Freizeit lukrativer erschien. Dafür hatte man aber bei der Reichsbahn quasi eine Lebensstellung mit interessanten Aufstiegsmöglichkeiten. Die Angst vor Repressalien oder gar Rausschmiss waren den „Werktätigen“ in der DDR ohnehin unbekannt. Vielmehr versuchte man Fachkräfte durch ein gutes Arbeitsklima und soziale Leistungen, wie beispielsweise preiswerten Urlaubsaufenthalt in Betriebsferienheimen oder großzügige Freifahrtsreglungen, zu binden. Bekanntlich war auch Wohnraum im Osten Deutschlands Mangelmangel, deshalb gab es sogar Betriebswohnungen für DR-Angehörige, deren niedrige Mieten natürlich die Eisenbahn subventionierte. Da auch viele Frauen bei dem größten Verkehrsunternehmen der kleinen Republik tätig waren, verfügten viele Dienststellen über eigene Kindergärten, in denen die Betreuung des (potentiellen Eisenbahner-) Nachwuchses kostenlos gesichert wurde. Nicht wenige Reichsbahnangehörige waren sehr stolz auf ihren Berufsstand und ließen sogar die private Korrespondenz mit „Fahrt frei“ enden.

Auch große runde Jubiläen waren ein geeigneter Anlass um die Berufsehre der Reichsbahner zu etablieren. So stand das 125jährige Jubiläum der deutschen Eisenbahn im Jahre 1960 bei der DR ganz unter dem Zeichen „Uns gehören die Schienenwege“. Damit sollte die neue Eigentümerrolle der Eisenbahner im Osten Deutschlands suggeriert werden. Man wollte das Bewusstsein aufbauen, dass man mit schöpferischer Gemeinschaftsarbeit wesentlich mehr erreichen kann, als wenn jeder nur „seins“ macht. Vom „Ich“ zum „Wir“ hieß halt die Devise, welche den Aufbau des Sozialismus voranbringen sollte. Gerade in den, vom Aufbauwillen geprägten entbehrungsreichen Nachkriegsjahren, fiel diese Ideologie einer neuen Gesellschaftsform auf recht fruchtbaren Boden. Wie sich das Ganze schließlich später entwickelt hat – Ergebnis bekannt!

Im Jahre 1985, dem 150jährigen Jubeljahr der Deutschen Eisenbahn, standen bei der Deutschen Reichsbahn 250.000 Eisenbahnerinnen und Eisenbahner in Lohn in Brot.

Der größte Verkehrsbetrieb der DDR feierte aber nicht nur die Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn am 7. Dezember 1835 sondern auch die Übergabe der Eisenbahn in „Volkes Hand“ in der sowjetischen Besatzungszone am 1. September 1945. Deshalb fanden die Feierlichkeiten hier unter dem Motto „150 Jahre deutsche Eisenbahnen – 40 Jahre in Volkes Hand“ statt. Damit wollte man sich deutlich vom Charakter der Jubiläumsfeierlichkeiten in der Bundesrepublik abheben, welche die deutsche Eisenbahn in Ost und West im Singular betrachtete. Lässt man sich den damaligen Wortlaut der DDR-Reichsbahn auf der Zunge vergehen, dürfte es vor der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee in Deutschland eigentlich nur Privatbahnen gegeben haben. Der wesentliche Unterschied bestand eben darin, dass die Deutsche Bundesbahn ein Staatsunternehmen und die Deutsche Reichsbahn ein volkseigner Betrieb war – Certeris paribus. 

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