Kaiser Wilhelm II. – Reisen um gesehen zu werden

Text: Ingo Ehrlich. Fotos: Sammlung Hans Kobschätzky

Sechsachsiger Wagen des kaiserlichen Hofzuges in der Ursprungslackierung.

Als Meister prachtvoller Inszenierungen gilt Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) als erster Medienstar der Geschichte. Von Jugend an gehandicapt durch eine Verkrüppelung der linken Hand suchte er Selbstbestätigung im militärischen Ambiente. Dort fand er Halt und zeigte sich daher am liebsten in Uniform, die er bis zu sechsmal am Tag wechselte. „Große Bahnhöfe“ bei Militärparaden, Flottenmanövern, Stapelläufen, Denkmalsenthüllungen und Besichtigungen prägten seine Regierungszeit. Im Hinblick auf das Zitat „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung“ war die Eisenbahn und der kaiserliche Hofzug unverzichtbarer Bestandteil seiner Terminverwaltung. Lediglich drei bis vier Monate residierte der Kaiser in Berlin oder Potsdam. Die übrige Zeit nutzte er mit offiziellen, halboffiziellen und privaten Reisen um dem steifen Hofzeremoniell sowie seiner Frau und seiner Familie, die ihn langweilten, und last but not least den eigentlichen Regierungsgeschäften zu entgehen. Sein jährliches Reisekarussel führte ihn von Italien und Korfu, zur Jagd nach Rominten oder Cadinen, im Juni zur Kieler Woche mit anschließenden Nordland-Schifffahrten sowie ab 1899 zu seiner Burg Hohkönigsburg im Elsass.

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Der Öffentlichkeit entging die extreme Mobilität des Kaisers nicht. So berechnete eine Tageszeitung im Jahr 1894 nicht weniger als 199 Reisetage und etwa dreißigtausend gefahrene Bahnkilometer. Zeitgenossen reimten den Spottvers: „Sein Großvater sei der greise Kaiser gewesen, sein Vater der weise Kaiser und er selbst sei nun der Reisekaiser.“ Mehrmals im Jahr waren die Blicke der Welt auf Kiel gerichtet, wenn der Kaiser durch das Kaiserportal und über die Kaisertreppe des Kieler Hauptbahnhofs, der mit einer Flagge auf dem Treppenturm den hohen Besuch anzeigte, auf kürzestem Weg zum Hafenbecken des Reichskriegshafens eilte. Dort brachte ihn eine Barkasse zu seiner Hochsee-Yacht „Hohenzollern“, von der aus er die Kieler Woche beobachtete bzw. ab 1893 selbst seine Renn-Yachten steuerte. Daneben war Kiel Teil der großen Macht-Inszenierung der deutschen Flotte und des Deutschen Reiches. Für die häufigen Reisen nach Kiel forderte der Kaiser einer direkten Verbindung zwischen dem Regierungssitz in Berlin und dem Kieler Hafen. Es heißt, der Monarch habe daher ein Lineal auf die Landkarte gelegt, um den Verlauf der Strecke grob zu umreißen. Die in Hagenow-Land von der Hauptstrecke Richtung Hamburg abzweigende Trasse führte über Zarrentin nach Ratzeburg und weiter über Bad Oldesloe und Neumünster weiter bis Kiel. Nach Erbauung durch die Königliche Eisenbahndirektion Altona eröffnete Kaiser Wilhelm II persönlich am 15. August 1897 die Strecke, die im Vergleich zu den Alternativrouten über Hamburg oder Lübeck um etwa 25 km kürzer war und in der Folgezeit „Kaiserbahn“ genannt wurde. Dennoch vermied der Kaiser gelegentlich die Fahrt über den Teilabschnitt von Ratzeburg nach Bad Oldesloe aufgrund der potenziellen Attentatsgefahr bei der Fahrt über die Brücke des Elbe-Lübeck-Kanals.

Während der Hofzug Kaiser Wilhelm I. noch aus dreiachsigen Wagen und für das Gefolge zweiachsigen Wagen bestand, die mangels durchgehender Bremse noch mit Bremsern besetzt waren, standen für den kaiserlichen Hofzug seit 1888/89 überaus komfortable Waggons zur Verfügung, die bei großen Reisen wie folgt gereiht waren:

a) eine oder zwei Schnellzuglokomotiven

b) Gepäckwagen als Schutzwagen

c) Küchenwagen

d) Speisesalonwagen

e) Herrengefolgewagen

f) Herrengefolgewagen

g) Salonwagen des Kronprinzen (sechsachsig)

h) Salonwagen des Kaisers (sechsachsig)

i) Salonwagen der Kaiserin (sechsachsig) – Salon an Salon gekuppelt

j) Damengefolgewagen

k) Gepäckwagen als Schutzwagen

Ankunft Kaisers Wilhelm II. am 3. September 1912 in Zürich.

Die zahlreichen Reisen der hohenzollerischen Kaiserfamilie verursachten stets einen immensen Aufwand. Separate Sondervorschriften sahen so zum Beispiel die ständige Fahrbereitschaft der mit Personal zu besetzenden Reservelokomotiven vor. Rangierarbeiten waren 15 Minuten vor Verkehren des Hofzuges verboten, auch durften keine Gegenzüge dem fahrenden Kaiserzug begegnen, Gleise und Weichen waren vor Durchfahrt des Extrazuges zu kontrollieren. Bei der Durchfahrt des Hofzuges salutierte der jeweilige Stationsvorstand persönlich auf dem Bahnsteig und signalisierte dem Zugpersonal damit, dass betrieblich alles seine Richtigkeit hatte. Bei Nachtfahrten wurde die Geschwindigkeit gesenkt, damit die Monarchenfamilie annähernd die Chance hatte, zur Ruhe zu kommen. Für einen Jagdausflug in die Rominter Heide fanden sich im Hofzug 20 Herrschaften mit 106 Dienern ein. Dies bedeutete ein Reisegepäck von 100 bis 150 Gepäckstücken mit einem Einzelgewicht von bis zu 200 kg, das erst eine halbe Stunde vor Abfahrt bereitgestellt wurde und nur mit Unterstützung durch das Militär rechtzeitig verladen werden konnte.
Der normale Fahrplan hatte den sich den Reisewünschen des Kaisers unterzuordnen und brachte Aufregung in den Alltag des Streckenpersonals. Stand gar der kaiserliche Besuch eines adligen Gutsbesitzers, wie zum Beispiel beim Freiherrn von Treuenfels in Schmilau (Strecke Hagenow Land-Ratzeburg) an, wurden die Bahnhöfe dem Anlass entsprechend herausgeputzt und das ganze Dorf war auf den Beinen um dem Monarchen zuzuwinken und zu huldigen. Kein Aufwand war zu hoch, wenn der Kaiser sich die Ehre gab, entlegene Adelssitze aufzusuchen. So wurde für den Besuch des Kaisers am 16. Oktober 1905 der Bahnsteig der kleinen Bahnstation Storkow (Strecke Königs-Wusterhausen - Beeskow) verlängert und ein roter Teppich für die 300 Schritte bis zum Jagdschloss Hubertushöhe ausgelegt. Und auch die Wuppertaler Schwebebahn stellte für den Besuch von Kaiser Wilhelm II. und seiner Gattin Auguste Viktoria am 24. Oktober 1900 einen Sonderwagen bereit, der noch heute original erhalten für Sonderfahrten als „Kaiserwagen“ bereit steht.

Die Reisesucht des Kaisers nahm mitunter manische Züge an. So ist überliefert, dass er manchmal in der Station Wildpark (Kaiserbahnhof Potsdam – hierzu mehr in unserem Beitrag Fürstenbahnhöfe), nur 5 Minuten von seinem neuen Palais entfernt, in seinem Salonwagen übernachtete. Unter dem Vorwand am nächsten Tag einen recht frühen Termin in Berlin zu haben, frönte er so seiner Reiseleidenschaft, wenn ihm Tagesgeschäfte die Möglichkeit zum Verreisen raubten.

Den besten Einblick in die kaiserliche Reisewut gibt ein Blick in das Reisetagebuch.

Reisetagebuch 1899:

Jahresanfang Aufenthalt in Potsdam Sanssouci
Mitte Januar Aufenthalt im Berliner Stadtschloss
24. Januar Paradebesuch des Kaisers in Hannover
27. Januar Geburtstagsfeier des Kaisers in Berlin
13. Februar mehrtägiger Ausflug des Kaisers zum Jagdschloss Hubertusstock
ab 28. Februar Fahrt zur Vereidigung von Marinerekruten in BremenWeiterfahrt nach Wilhelmshaven zur Verabschiedung von Kolonialmannschaften
3. März Fahrt nach Helgoland
16. März Beisetzung von Fürst Bismarck in Friedrichsruh bei Hamburg
20. März Reise mit der Kaiserin nach Kiel wegen Aufnahme eines Neffen in die Marine
19. April Besuch Sängerfest auf der Wartburg
20. -23. April Geburtstagsfeier von König Albert in Dresden
24. April Besuch badischer Erbgroßherzog in Karlsruhe mit Jagdaufenthalt
28. April Treffen mit Königen von Schweden und Norwegen in Darmstadt und Wiesbaden; Rückfahrt nach Berlin
2. Mai Fahrt Kaiser, Kaiserin und zwei Prinzen nach Straßburg/Elsass
3. Mai Fahrt nach Schlettstadt (Selestat) und St. Pilt zur Hohkönigsburg
Folgetage Besuch in Metz mit Manöverbesuch in Ars an der Mosel
15. Mai Weiterfahrt nach Wiesbaden zum Besuch der Maifestspiele
Folgetage Besuch Römerkastell Saalburg im Taunus (bei Bad Homburg)
19. Mai Ankunft der kaiserlichen Familie in Potsdam
25. -27. Mai Kaiserpaar besucht Sängerfest auf Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel; Rückfahrt nach Potsdam
31. Mai Kaiserpaar fährt nach Kiel zum Stapellauf des Schlachtschiffes „Kaiser Wilhelm der Große“
Folgetage Weiterfahrt nach Cadinen und Prökelwitz in Ostpreußen
7. Juni Rückkehr nach Potsdam
16. Juni Abfahrt des Kaisers in Wildpark nach Hannover zur Ulanenparade
17. Juni Ankunft in Brunsbüttel mit offiziellem Besuch einer Elbregatta
19. Juni Fahrt nach Helgoland zur Inspektion der Bauarbeiten an den Buhnen
22. Juni Ankunft des Kaisers mit dem Schiff in Kiel; dort erwartete ihn die Kaiserin zur gemeinsamen Teilnahme an der Kieler Woche und Rückfahrt nach Potsdam
1. Juli Kaiser besucht neuen Yachtclub von Lübeck sowie das Seebad Travemünde
2. Juli Weiterfahrt nach Eckernförde; dort Einschiffung auf seine Yacht um Manöver zu beobachten
4. Juli Beginn der traditionellen Männerferien des Kaisers mit Nordlandfahrten an Bord seiner Yacht Hohenzollern; parallel hatte die Kaiserin mit den Prinzen den Sommer in Berchtesgaden verbracht
4. August Fahrt von Kiel nach Kassel-Wilhelmshöhe zur Kaiserin, die dort weilte
11. August Fahrt des Kaisers von Wilhelmshöhe zur Hafeneinweihung nach Dortmund
12. August Weiterfahrt zur Villa Hügel von Alfred Krupp in Essen und Rückfahrt nach Wilhelmshöhe
17. August Fahrt des Kaisers von Kassel nach Metz zur Denkmaleinweihung in Saint-Privat-la-Montagne
18. August Besuch seiner Mutter in Cronberg/Taunus
21. August Besuch einer Militärparade in Mainz sowie von Schloss Wolfsgarten bei Darmstadt
22. August Rückkehr in Potsdam
03. September Fahrt von Potsdam nach Straßburg zur Kaiserparade
06. September Weiterfahrt nach Stuttgart zur Kaiserparade
08. September Weiterfahrt nach Karlsruhe zur Kaiserparade
09. September Kurzvisite in Tübingen und Weiterfahrt zur Burg Hohenzollern bei Hechingen; anschließend Rückfahrt über Karlsruhe nach Potsdam
18. September Fahrt von Joachimsthal am Jagdschloss Hubertusstock über Swinemünde nach Malmö zur Jagd in Südschweden
25. September Weiterreise über Danzig und Dirschau zur Jagd nach Rominten
06. Oktober Weiterfahrt über Elbing, Cadinen und Marienburg nach Potsdam
18. Oktober Fahrt von Potdam nach Hamburg zum Stapellauf des Schlachtschiffes „Karl der Große“ und Rückfahrt nach Potsdam
26. Oktober Jagdausflug von Potsdam nach Blankenburg im Harz
28.-31. Oktober Weiterfahrt zum Schloss Liebenberg Nahe Oranienburg; Rückkehr Anfang November in Potsdam
08. November Fahrt des russischen Kaiserpaares von Wolfsgarten bei Darmstadt nach Potsdam Wildparkstation, vermutlich Empfang der Gäste durch den Kaiser im Bahnhof Rathenow
09. November persönliches Geleit der russischen Gäste durch den Kaiser bis Charlottenburg
17. November Fahrt des Kaiserpaares und der Prinzen nach Kiel zur Vereidigung von Marinerekruten
18. November Weiterfahrt mit der Yacht Hohenzollern nach Portsmouth um auf Schloss Windsdor Wilhelms Großmutter Königin Victoria zu besuchen, die dort am 21.11.99 den Geburtstag ihrer Tochter bzw. Wilhelms Mutter Kaiserin Friedrich feiert.
Folgetage Besuch Herrenhaus Sandringham in Norfolk und des Kriegshafens Sheerness
28. November Weiterfahrt von Port Victoria nach Vlissingen; dort bringt der Hofzug nach kurzer Begrüßung durch das niederländische Königspaar die kaiserliche Familie zurück nach Potsdam
7. Dezember Jagdausflug des Kaisers nach Bückeburg
15. – 16. Dezember Jagdausflug des Kaisers nach Göhrde bei Dannenberg

 

Die Eisenbahn-Hauptwerkstätte Potsdam hatte die ehrenvolle Aufgabe, das Personal für den Hofzug zu stellen, wie auch die Wagen zu unterhalten. Rechts im Bild ist der zweiständige Lokschuppen für die Salonwagen zu sehen.

Mit Beginn des 1. Weltkrieges wechselte nicht nur der Kaiser seine Galauniform zu Gunsten einer feldgrauen Uniform, auch die Wagen des kaiserlichen Hofzuges waren nun dunkelgrün lackiert. Die Wagenreihung wurde nun durch besondere zweiachsige Schutzwagen mit Maschinengewehren gegen Fliegerangriffe ergänzt. Selbst die letzte Nacht als Deutscher Kaiser vor seiner Abdankung am 9. November 1918 verbrachte Wilhelm II. in seinem Salonwagen, der im Bahnhof von Spa stand, dem in Belgien liegenden Ort seines Hauptquartiers. Die letzte offizielle Fahrt des kaiserlichen Hofzuges fand statt, als die Kaiserin Auguste Viktoria ihrem Mann von Potsdam aus in das Exil in den Niederlanden folgte. Die Habseligkeiten des Kaiserpaares folgten mit 59 Güterwagen nach. Für die fast dreißig Sonderwagen des kaiserlichen Hofzuges gab es nach der Rücküberführung nach Potsdam im März 1919 zunächst keine Einsatzgebiete. Allmählich fanden die Fahrzeuge als Salonwagen, Speise- und Schlafwagen der Mitropa oder als Bahndienstwagen wieder neue Betätigungsfelder. Mit Überführung der sterblichen Reste von Kaiserin Auguste Viktoria in einem Sonderzug mit drei Salonwagen endete der kaiserliche Einsatz der Wagen endgültig.

Heute sind noch fünf Wagen des Hofzuges erhalten. Der erste Hofwagen des Kaisers von 1889 ist heute im Deutschen Technikmuseum Berlin zu sehen. Der Hofwagen der Kaiserin von 1901 befindet sich aktuell im Kaiserbahnhof Potsdam. Ein weiterer Hofwagen der Kaiserin von 1911 steht im Werksmuseum von Linke-Hofmann-Busch (heute: Alstom) in Salzgitter. Im Seebad Ahlbeck steht der Herrengefolgewagen 5A aus dem Jahr 1907 und der so genannte Kronprinzenwagen Nr. 20 von 1905 ist im Süddeutschen Eisenbahnmuseum Heilbronn hinterstellt.

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