Internationale Züge in der DDR

Internationale Züge der DR – Reisefreiheit für Minderheiten

von Thomas Böttger

Im Oktober 1991 war das Zugangebot der DR noch von der alten Zeit geprägt. 230 014 mit IEx77 'Primator' von Berlin-Schönefeld nonstop nach Dresden Hbf hatte Dresden Hbf um 15.46 Uhr nach 2 Stunden und 9 Minuten Fahrzeit  erreicht. Wer erinnert sich heute noch an die Zuggattung IEx der DR und an den Zuggnamen ? Foto Josef Mauerer

Während heute auch für Fahrten in die Ferne immer mehr das Auto bevorzugt wird, war einst der Begriff Eisenbahn eng mit Reisen und Fernweh verbunden. Auch die Deutsche Reichsbahn bot etliche internationalen Verbindungen an und das zu Reisezielen von welchen der „gelernte“ DDR-Bürger nur träumen konnte. Denn Reisemöglichkeiten Richtung „Westen“ gab es nur für handverlesene Minderheiten und Rentner. Damit wollte der „demokratische“ deutsche Staat vor allem die Abwanderung von hoch qualifizierten Fachkräften unterbinden. Das Problem dabei war nur, dass die meisten DDRler ein völlig verzerrtes Bild vom „goldenen Westen“ im Kopf hatten und manch „Republikflüchtiger“ auch scheiterte. Nur bei Bürgern mit staatlicher Altersrente legte die DDR-Obrigkeit keinen Wert auf Rückkehr. Da es nach der Gesetzen der Bundesrepublik auch im geteilten Deutschland nur eine Staatsbürgerschaft gab, musste sich dann eben der „Klassenfeind“ um deren Wohlergehen kümmern.
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Immerhin forderte der Ausbau der Grenzanlagen zur BRD auf einer Länge von 1.370 km und zu West-Berlin (161 km) von der DDR immense Summe ab. Während es an vielen Ecken der kleinen Republik ständig haperte, war für Ertüchtigung  der westlichen Staatsgrenze als Hochsicherheitstrakt nichts zu teuer. In einem Propaganda-Faltblatt aus den 1980er Jahren, welches vom Ministerium für Nationale Verteidigung herausgegeben wurde heißt es kurz und knapp: „Getreu ihrem Klassenauftrag, mit großem politischen Verantwortungsbewußtsein, stehen die Grenztruppen der DDR auf Wacht für den Frieden und für den Schutz ihrer sozialistischen Heimat ... Durch die Grenzsicherungsmaßnahmen vom 13. August 1961 wurden die aggressiven imperialistischen Kräfte in der BRD und den anderen NATO-Staaten gezügelt und der Frieden in Europa gerettet.“  Der damals obligatorische Unterricht in Sachen „Staatsbürgerkunde“ lässt grüssen ...

Nur noch kurz, zum besseren Verständnis: Diese Willkür verstieß eindeutig gegen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen aus dem Jahre 1948, insbesondere gegen Artikel 13. Selbst nach der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki am 1975 durch den DDR-Staats- und Parteichef Honecker blieb die deutsch-deutsche Grenze weiterhin vermauert. Denn die Vereinten Nationen gestatten ihren Mitgliedsländern so viele „wenn“ und „aber“, dass man eigentlich bei diesem Schriftstück von Makulatur sprechen kann. Nur die spätere Vermittlung eines milliardenschweren Kreditgeschäftes durch einen bayerischen „Kommunistenhasser“ machte den eisernen Vorhang ein Stückchen durchlässiger.

Der erste internationale Reisezug der Deutschen Reichsbahn, welcher die Hauptstadt eines nichtsozialistischen Staates ansteuerte war der „Vindobona“.  Am 06.01.1957 fuhr dieser legendäre Zug erstmals auf dem Berliner Ostbahnhof ab, mit dem Fahrtziel Wien. Man wird sich vielleicht fragen, wieso überhaupt Bedarf an solch einer internationalen Verbindung gestand. Gedacht war das freilich nicht als Verbesserung der Reisemöglichkeiten für den normalen DDR-Bürger. Nein, diese Schnellverbindung, die kürzeste auf der Schiene zwischen Berlin und der Donaustadt überhaupt, sollte nur harte Devisen einfahren. Deshalb legte man in der Hauptstadt der DDR großen Wert auf funktionierende Anschlüsse, sollten es doch auch die Transitreisenden von und nach Skandinavien möglichst bequem haben. Ab dem Jahre 1965 liefen auf dieser Verbindung die eleganten Neubautriebwagen der BR SVT 18, deren Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h auf Reichsbahngleisen allerdings nicht ausgefahren werden konnte. Ab dem Jahre 1979 fuhr dieser Expresszug mit Lokbespannung, da den Österreichern äquivalente Triebwagen für den „Naturalienausgleich“ fehlten. Mit anderen Worten jede der beiden Bahnverwaltungen musste für diese Leistung turnusmäßig für jeweils zwei Jahre die Fahrzeuge stellen und die ÖBB konnten bei Schnelltriebwagen nicht mithalten.  Offiziell wurde diese Maßnahme natürlich als Verbesserung des Platzangebotes verkauft.

Die Züge im Reiseverkehr zwischen der DDR und der Bundesrepublik trugen keine so klangvollen Namen, man sprach hier einfach von Interzonenzügen. Diese verbanden eine Reihe von Reichsbahn-Bahnhöfen mit dem „Westen“ und durften im DDR-Binnenverkehr von jedermann benutzt werden. Dasselbe galt natürlich auch in der Bundesrepublik. Fahrziele in Berlin wurden damit in der Regel nicht bedient.  Es gab auch spezielle Transitzüge, welche dann nur zwischen der BRD und Berlin (West) verkehrten.

Je nach der politischen Stimmung änderte man im Sprachgebrauch der DR die 1946 geprägte Bezeichnung „Interzonenzug“. Auch war der Begriff „Zone“ durch die Verwendung im westlichen Sprachgebrauch zur Abwertung der kleineren deutschen Republik inzwischen recht negativ belegt.  So sprach man in den 1960er Jahre von „Zügen DDR – Westdeutschland“, in den 1970ern wurde das Klima etwas milder und die offiziellen Staatsbezeichnungen „DDR“ und „BRD“ setzten sich für diese Reisezüge (zumindest von DDR-Seite) durch. Im Fachjargon hießen diese Verkehrsangebote völlig emotionslos „Wechselverkehrszüge“. In Anspielung an die meist älteren Reisenden prägte der (DDR-) Volksmund dafür auch den Name „Rentnerexpress“. Gefürchtet waren bei diesen Zügen die umfangreichen und äußerst gründlichen Grenzkontrollen. Beispielsweise stand der Rostocker Interzonenzug bei Ein- und Ausreise in die DDR 40 Minuten in Herrenburg. Die Grenzer nahmen sich dann jeden Winkel vor, beispielsweise wurde mit Spiegeln jede noch so kleine Ecke nach „Illegalen“ abgesucht. Besonders allergisch regierte man bei der Einreise auch auf westliche Druckerzeugnisse. Zu Zeiten der Dampftraktion entsorgte man solche Machwerke des freien Journalismus vielmals gleich in der Feuerbüchse der Zuglok, eine äußerst praktische Angelegenheit!  Dieses Kapitel deutscher Geschichte endete schließlich mit dem „Mauerfall“ am 9. November 1989.

Natürlich fuhr die Deutsche Reichsbahn auch zahlreiche internationale Züge in das befreundete sozialistische Ausland. So setzte beispielsweise das DDR-Jugendbüro „Jugendtourist“ spezielle Züge ein, welche unter dem Namen „Tourex“ (= Touristenexpress) speziell von Jugendlichen zu äußert moderaten Preisen genutzt werden konnten. Überhaupt war diese Reisen in die Bruderländer für jedermann erschwinglich, denn ein Bahnkilometer kostete im internationalen Tarif  (2. Klasse) gerade einmal 2 Pfennige der DDR.

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