Fürstenzimmer und Kaiserbahnhöfe

Text: Ingo Ehrlich. Fotos: Sammlung Hans Kobschätzky.

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Ansicht des Wartebereichs für hohe Herrschaften im Bahnhof Eydtkuhnen, der als preussischer Grenzbahnhof zu Rußland im Verkehr zwischen Moskau bzw. Petersburg und Berlin sehr große Bedeutung hatte.
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Idyllisch im Hafen von Sassnitz gelegen, ermöglichte der dortige Kaiserpavillion einen  bequemen Aufenthalt beim Umsteigen.

Seit den ersten Tagen der Eisenbahn etablierte sich für so genannte „Hohe und Allerhöchste Herrschaften“ ein besonders Stück Reisekultur. Für Könige, Landesfürsten, Aristokraten, kirchliche und weltliche Würdenträger, ausländische Repräsentanten und Prominente und mit Reichsgründung auch für den deutschen Kaiser standen auf vielen Bahnhöfen Fürstenzimmer, teils auch als Königszimmer oder Kaiserpavillons bezeichnet, bereit. Diese repräsentativen Räumlichkeiten dienten dem würdigen Empfang dieser privilegierten Reisenden. Fürstenzimmer waren bis zum Ende des Ersten Weltkrieges an zahlreichen Bahnhöfen zu finden, die in der Nähe von Regierungssitzen, Residenzen, Schlössern, Kur- und Badeorten sowie Manöver- und Jagdgebieten lagen. In Preußen sah zum Beispiel das Protokoll vor, Staatsgäste bereits an der Grenze des Stammlandes in Rathenow zu begrüßen. So erklärt es sich dass nicht nur alle Kopfbahnhöfe der Reichshauptstadt, sondern teilweise auch scheinbar völlig unbedeutende Bahnhöfe Fürstenzimmer bereithielten. Waren diese Räume anfangs noch in den Bahnhofsgebäuden integriert, ging man beim Neubau von Bahnhöfen dazu über, separate Gebäude oder Gebäudeteile zu errichten. Besonders beeindruckende Beispiele für diese Fürstenbauten finden sich noch heute als Hofstation in Wildpark bei Potsdam und teilweise in Bad Homburg.
weiterer Inhalt nur für Abonnenten - bitte einloggen + the following content is only for subscribers - please log in [hidepost=1] Doch nicht immer standen für besondere Anlässe, wie Einweihungsfeiern oder Tagesveranstaltungen geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung. Seit der Lutherfeier im November 1883 in Eisleben erfüllten zusammenlegbare Festzelte in mehreren Eisenbahndirektions-Bezirken die Ansprüche des Protokolls. Daneben kamen aber auch interimistisch festliche Empfangshallen aus Holz und wasserdichten Leinen zum Einsatz, wie zum Beispiel in Niederschlesien in Brechelshof, Rohnstock und Kreisau. Für die Privatanwesen von Kaiser Wilhelm II. wurden auch spezielle Räumlichkeiten vorgehalten, so zum Beispiel ab 1899 in Cadinen, wo er die Sommerfrische auf seinem Gut in Masuren verbrachte oder im elsässischen St. Pilt für den Besuch der Hohkönigsburg, die ihm 1899 von der Stadt Schlettstadt geschenkt worden war. Eine Besonderheit stellt der Kaiserpavillon in Spandau dar. Dort konnte Kaiser Wilhelm II. direkt von einer speziellen Landungsstelle an der Havel für seinen Salondampfer „Alexandria“ aus über eine überdachte Treppe zu einem eigens für ihn angelegtem 75 m langem Bahnsteig an der Berlin-Hamburger Eisenbahn bequem umsteigen. Mit dem Umbau der Spandauer Bahnhofsanlagen wurde der Pavillon 1907 abgebaut. Ein baugleicher Kaiserpavillon diente in Saßnitz-Fährhafen dem Kaiser beim Umsteigen für seine zahlreichen Nordland-Schifffahrten. Für alle anderen Fürstenzimmer endete die privilegierte Pracht mit dem Ende des Ersten Weltkrieges. Doch auch heute noch finden sich Spuren der Fürstenzimmer und –bauten in vielen Orten auch wenn die Räumlichkeiten umgewidmet sind.
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Tabelle der in Deutschland bzw. ehemaligen deutschen Gebieten vorhandenen Fürstenzimmer an Bahnhöfen (sortiert nach Erbauungsjahr von 1843 in Braunschweig bis 1914/1918 in Stuttgart:

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Bau Ort Art Hinweis
1843 Braunschweig im EG integriert
1843 Stettin im EG integriert
1847 Gotha im EG integriert
1847 Nürnberg im EG integriert Ausstattung im DB Museum erhalten
1848 Bockenheim im EG integriert Jetzt: Frankfurt Main West
1848 Hofgeismar im EG integriert
1848 ? Melsungen im EG integriert
1848 Hanau-Wilhelmsbad im EG integriert erhalten
1849 Kassel-Wilhelmshöhe im EG integriert nicht erhalten
1849 München im EG integriert nicht erhalten
1849 Wabern im EG integriert erhalten
1850 ? Hamm im EG integriert
1850 Marburg im EG integriert 1907 beseitigt
1854 Veitshöchheim im EG integriert erhalten
1855 ? Guntershausen im EG integriert nicht erhalten
1857 Breslau im EG integriert
1857 Coburg im EG integriert Neubau 1916
1860 Eydtkuhnen im EG integriert
1860 Nordstemmen im EG integriert
1862 Neuendorf/Babelsberg
1863 ? Konstanz eigenes EG erhalten
1863 Zerbst
1864 Biessenhofen Anbau erhalten
1865 Göhrde im EG integriert
1865 Halbe eigenes EG erhalten
1865 Possenhofen im EG integriert erhalten
1867 ? Bad Karlshafen  linkes Ufer im EG integriert abgerissen
1867 Bronnbach im EG integriert erhalten
1867 Königs Wusterhausen im EG integriert
1868 Oels/Niederschlesien im EG integriert
1868 Bad Wildbad im EG integriert erhalten
1869 Potsdam im EG integriert Bürgerbahnhof Potsdam Park Sanssouci - erhalten
1872 Bad Pyrmont im EG integriert nicht erhalten
1873 ? Egelsbach im EG integriert
1874 Zollern im EG integriert für Burg Hohenzollern
1874 Heilbronn im EG integriert 1950 abgebrochen
1874 Bad Kissingen im EG integriert erhalten
1874 Göhrde im EG integriert für Jagdschloss Göhrde
1875 Brühl-Kierberg im EG integriert erhalten
1875 Mühltal erhalten
1878 Bad Sooden-Allendorf Anbau erhalten
1878 Trier im EG integriert
1879 Hannover im EG integriert äußerlich erhalten
1879 Neudietendorf im EG integriert
1880 Berlin Anhalter Bahnhof im EG integriert nicht erhalten
1880 Detmold Anbau erhalten
1880 Hof im EG integriert erhalten
1880 Stolpe/Usedom im EG integriert
1881 Lensahn im EG integriert Sommerresidenz der Erbgroßherzöge von Oldenburg
1881 Rimsting eigener Bahnhof 1887 abgetragen
1878/83 Straßburg/Elsaß im EG integriert Getrennte Räume für Kaiserin und Kaiser - erhalten
1883 Bad Homburg eigenes EG nicht erhalten
1883 Gelnhausen im EG integriert erhalten
1883 Hofstation (Berlin-Schöneberg) eigener Bahnhof
1884 Bonn im EG integriert
1887 Ballenstedt West Anbau
1887 Brunsbüttelkoog im EG integriert
1887 Gelbensande eigenes EG Erhalten – für Mecklenburger Fürsten nur Verlobung mit Sohn Wilhelm II 1904
1888 Frankfurt/Main im EG integriert 1924 umgebaut und nicht erhalten
1888 Vienenburg im EG integriert erhalten
1889 Gelbensande eigenes EG erhalten
1889 Herbesthal im EG integriert 1983 abgerissen
1890 Essen-Hügel nur Haltepunkt für Villa Hügel
1890 ? Korbach im EG integriert
1890 Münster/Westfalen im EG integriert
1890 Schwerin im EG integriert erhalten
1891 Spandau Kaiserpavillon nicht erhalten
1892 Rastede Anbau 28.07.1892 halbstündiges Gespräch Wilhelm II. und Großherzog Nikolaus Friedrich Peter
1894 Köln im EG integriert
1895 Baden-Baden (Stadt) Anbau erhalten
1895 Karlshorst-Rennbahnhof Pavillon 1943 zerstört
1897 Saßnitz-Fährhafen Kaiserpavillon nicht erhalten
1898 Joachimsthal (Werbellinsee) eigenes EG für Jagdhaus Hubertusstock - erhalten
1892/98 Dresden Anbau erhalten
1897/98 Friedberg/Hessen eigenes EG 1913 versetzt - erhalten
1895/00 Kiel im EG integriert mit Kaiserportal
1900 St: Pilt/Elsass Anbau für Besuch der Hohkönigsburg, die 1899 Kaiser Wilhelm II. geschenkt wurde
1901 Bad König Anbau Stark verändert erhalten
1899/02 Koblenz im EG integriert
1903/04 Worms Anbau
1904 Baruth im EG integriert
1904 Eisenach eigenes EG erhalten
1906 Wiesbaden Anbau getrennte Räume für Fürst und Fürstin – nicht erhalten
1906 Hamburg-Dammtor im EG integriert nicht mehr erkennbar
1906 Waldenburg/Sachsen im EG integriert
1907 Bad Homburg eigenes EG Erhalten, separate Bahnsteighalle abgerissen
1905/08 Metz im EG integriert
1908 Bad Hersfeld Anbau
1908 Bad Schwalbach Anbau
1908 Balduinstein im EG integriert erhalten
1908 Nassawen/Ostpreußen im EG integriert Jagdgebiet Rominter Heide
1905/09 Hofstation Wildpark (Potsdam) eigenes EG erhalten
1910/11 Gießen im EG integriert 1944 zerstört
1912 Darmstadt Anbau erhalten
1912 Rathenow im EG integriert erhalten
1913 Braunfels im EG integriert
1913 Karlsruhe Anbau
1913 Bad Nauheim eigenes EG erhalten
1913 Luxemburg Anbau erhalten
1915 Oldenburg Anbau erhalten
1916 Coburg Anbau
1914/18 Stuttgart im EG integriert nicht fertig gestellt

Teilweise waren die Fürstenzimmer in einem eher unscheinend wirkenden Anbau, wie hier in Bad König, untergebracht.

Beispiel eines heute noch weitgehend erhaltenen Kaiserbahnhofs ist der auf der schmalen Landverbindung zwischen Werbellinsee und Grimnitzsee gelegene Bahnhof Joachimsthal Kaiserbahnhof (auch Werbellinsee und kurzzeitig Joachimsthal Süd). Kaiser Wilhelm II., der öfters zur Jagd in seinem Jagdhaus Hubertusstock weilte, gab den Bau eines Hotels und Restaurants, des Kaiserpavillon und eines kleinen Empfangsgebäude in Auftrag.
In der Weimarer Republik und dem Dritten Reich wurde das Jagdhaus und dessen eigener Bahnhof weitergenutzt. Zur DDR-Zeit führte der allgegenwärtige Materialmangels zum allmählichen Verfall des Ensembles. Zudem brannte in den 1950er Jahren das Hotelgebäude ab. 1981 wurde anlässlich des geplanten Besuchs von Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Sanierung der verbliebenen Gebäude begonnen. Als feststand, dass der Bundeskanzler nicht mit der Eisenbahn an den Werbellinsee anreisen würde, wurden die Arbeiten wieder eingestellt. Erst in den Jahren 2004 bis 2007 erfolgte dann eine umfassende Sanierung der Anlagen.

Hier der schon erwähnte Kaiserpavillon in Spandau, wo Kaiser Wilhelm II. direkt von einer speziellen Landungsstelle an der Havel für seinen Salondampfer „Alexandria“ aus über eine überdachte Treppe zu einem eigens für ihn angelegtem 75 m langem Bahnsteig an der Berlin-Hamburger Eisenbahn bequem umsteigen konnte.

Neben dem heute von der DB Akademie genutzten Kaiserbahnhof Wildpark in Potsdam war der Fürstenbahnhof von Bad Homburg das bedeutenste Bauwerk dieser Art. Kaiser Wilhelm II. gab einen Neubau in Auftrag, der 1907 fertig gestellt wurde. Dabei überspannte eine 90 m lange und 12 m breite separate Bahnsteighalle den Bahnsteig für die Hofzüge. In der westlichen Verlängerung des Hofzugbahnsteiges lag zudem eine Wagenhalle für Salonwagen, in der die Wagen auch gewartet werden konnten. 1961 erfolgte der Abriss dieser Bahnsteighalle. Foto vermutlich vom April 1913 anläßlich der Begrüßung des Herzogs von Cumberland durch Kaiser Wilhelm II.

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