Aserbaidschan

Reisebericht Kaukasus sowie Ukraine und Weißrußland

„Good Morning“ Azerbajan! Der internationale Schnellzug von Baku nach Tiflis hat den größten Teil seiner Reise bereits hinter sich, als ihm am frühen Morgen bei Gjandza eine leer fahrende Lokomotive begegnet. Angesichts der nur mäßigen Fahrgeschwindigkeiten fast überall im Kaukasus dauert die Fahrt bis zur georgischen Grenze aber noch ein paar Stunden.

 Nach einigen Anläufen in den letzten Jahren konnte endlich einmal eine Tour in den Kaukasus realisiert werden. Neben den kriegerischen Ereignissen im Sommer 2008, ein Konflikt zwischen Georgien und Russland um die Region Süd Ossetien, war der Hauptverhinderungsgrund für eine Reise in diese Region das fast unbezahlbare Flugangebot. Für ein Returnticket muss man locker meist mindestens soviel hinblättern, wie beispielsweise für Flüge nach Thailand oder China. Um dieses Problem zumindest zu entschärfen, kombinierte ich die Rückreise mit einem Ukraineprogramm im Anschluss daran, um so den hohen Flugpreis nur in einer Richtung zahlen zu müssen, denn Flüge ab dem Kaukasus nach Kiew sind verhältnismäßig preiswert. Leider ging diese Rechnung letztlich nur bedingt auf, da bei der Buchung für mich unvorhersehbar, letztlich einiges schief ging und ich am Ende für den Hinflug von Paris nach Baku doch viel tiefer als geplant in die Tasche greifen musste (siehe letztes Kapitel).
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Samstag, 25.07.09

Einziger Trost zu der total verkorksten Flugbuchung war dann zumindest noch die Fahrt im ICE International über die kürzlich eröffnete Hochgeschwindigkeitsstrecke Aachen- Liège in Belgien, im Rahmen der Anreise zum Flughafen „Charles de Gaulle“ in Paris am Freitagnachmittag. Nach knapp fünfstündiger Flugzeit in einem fast leeren Airbus A-319 der Azerbajan Airlines erfolgte die Landung in Baku, Aserbaidschan mit leichter Verspätung. Diese Verzögerung resultierte aus technischen Problemen an der Maschine vor dem Abflug in Paris. Das wurde so auch in der Maschine in gutem Englisch durchgesagt. Selbstverständlich nimmt man eine solche Verspätungsbegründung in einem Flugzeug sensibler zur Kenntnis als anderswo. Zur Fahrt vom Flughafen Baku in die Stadt konnte ich einen Mikrobus nutzen, welcher bis an eine Metrostation am Stadtrand fuhr. Wie in den übrigen Staaten der ehemaligen UDSSR entspricht auch die Untergrundbahn in Baku dem russischen Standart, was Rollmaterial, Haltestellenabstände, prunkvolle Gestaltung der Haltestellen mit ihren nimmer endenden Rolltreppen usw. betrifft. Davon abweichend waren aber leider alle von mir benutzen Züge, trotz erheblicher Länge und dichter Zugfolge, fast immer total überfüllt. Daher wurden die Fahrten auf das unbedingt nötige Maß reduziert und eine Kurzstrecke lieber auch mal gleich zu Fuß absolviert. Erstes Ziel war der Bahnhof, wo es mir erfolgreich gelang noch eine Fahrkarte für den Nachtzug nach Tiflis am Abend zu erwerben. Das war nicht eben selbstverständlich, wie sich am nächsten Tag, gerade in Tiflis angekommen, per Zufall heraus stellte: Dort war der Gegenzug bereits fünf Tage vor Abfahrt ausgebucht! Diese Karte im Voraus zu besorgen wäre aber unmöglich gewesen. Das weitere Tagesprogramm in Baku beschränkte sich auf die Stadt und hatte rein touristischen Charakter. Die örtlichen Preisverhältnisse waren, wie erwartet sehr moderat. Allerdings hing das auch immer ein Stück weit von der gerade ausgewählten Lokalität ab. Nach einem extrem teuren Frühstück im Flughafen, kein Wunder saß da außer mir niemand mehr, erwischte es mich beim Stadtbummel in der Altstadt noch einmal mit ca. 8 € für einen simplen Bohnencafé. Dafür saß man aber auch immerhin eine knappe Stunde an einer exponierten Stelle auf einem Hausdach mit toller Aussicht rundherum. Eine zunächst noch für den Vormittag vorgesehene Elektritscha- Rundfahrt (Nahverkehrstriebwagen) gab ich schnell wieder auf, da Nahverkehrszüge den mitten in der Stadt gelegenen Hauptbahnhof gar nicht mehr anfahren. Die vermeintliche Abfahrtstelle irgendwo am Stadtrand hatte ich auf Anhieb nicht gefunden und länger danach suchen wollte ich auch nicht.

 

 Airbus A-319 der Azerbajan Airlines auf dem Flughafen „Charles de Gaulles“. Wegen technischer Probleme verzögert sich der Abflug nach Baku./ Landeanflug auf die aserbaidschanische Hauptstadt.

Am späten Abend dann die Abfahrt mit dem Nachtzug Richtung Georgien. Die sechs Schlafwagen sahen allesamt gut besetzt aus, also wieder einmal mehr Glück gehabt mit der späten Fahrkartenbuchung. Baku machte auf mich im Stadtzentrum einen verhältnismäßig gepflegten und modernen Eindruck, allerdings mit überall präsenten Sicherheitsorganen. Nicht zu toppen in dieser Hinsicht selbstverständlich der Bahnhof, dort sah ich gelegentlich mehr Polizisten als Zivilisten umherlaufen. Entsprechend defensiv verhielt ich mich mit meiner Kamera, zumal es ohnehin mangels Masse nicht möglich war einen Zug abzulichten. Es fuhr fast den ganzen Tag keiner und ansonsten waren nur die Wagen der Nachtzüge am Bahnsteig abgestellt und die Lokomotiven gesellten sich erst nach Einbruch der Dunkelheit dazu. Die Ausfahrt aus dem Bahnhof und durch die schier endlosen Vorstädte von Baku verfolgte ich trotz der bereits vollständigen Dunkelheit noch gut eine Stunde durchs offene Fenster im Wagengang. Das war auch sehr interessant, denn die Szenerie war gut ausgeleuchtet. Mit dem Zug in langsamer Fahrt sehr dicht vorbei an den vielen Häusern und Straßen, das hatte etwas und man konnte einen kurzen Eindruck des dortigen Lebens erhaschen, bevor der Zug später irgendwann und immer noch mit Bummelzugtempo unterwegs, hinter der Stadt endgültig die wirklich dunkle Nacht erreichte. Überhaupt waren die meisten von mir befahrenen Strecken im Kaukasus durchweg in schlechtem Zustand und erlaubten nur mäßige Geschwindigkeiten.

 

Prunkvolle Parkanlage in Mitten von Baku/ Blick von einer Cafè- Terrasse auf das Kaspische Meer. Rekordverdächtig nicht nur die tolle Aussicht, sondern ebenso die Getränkepreise mit umgerechnet etwa 6 € für ein simples Heißgetränk.

Sonntag, 26.07.09

Im Kupé- Abteil (Schlafwagen 4er Abteil) hatte ich wieder einmal eine der oberen Liegen erwischt und meine Abteilgenossen wollten auch nicht mit mir tauschen, was vor allem deswegen blöd war, da man so frühmorgens kaum aus dem Fenster schauen kann. Da ich Aserbaidschan nicht komplett verschlafen wollte, wechselte ich eben gleich nach Tagesanbruch wieder in Seitengang des Wagens. Im Gegensatz zur Landschaft die wir während der Nacht durchfahren hatten, war es jetzt etwas gebirgig geworden, was die Sache noch reizvoller machte. Das sogenannte „ITüpfelchen“ waren dann noch die gelegentlich entgegenkommenden Züge, die aber aus unterschiedlichsten Gründen leider nicht ordentlich fotografiert werden konnten. Lediglich bei einer einzeln fahrenden Lok (Titelfoto) war das Ergebnis schließlich akzeptabel. Mit jedem Halt leerte sich der Zug jetzt immer mehr und bald konnte ich das Kupé- Abteil für mich alleine beanspruchen. Später am Vormittag erreichten wir den aserbaidschanischen Grenzbahnhof Beük-Kasik und die dortige Grenzkontrolle lief in einem relativ lockeren Rahmen ab. Abgesehen von einer Kleinigkeit, denn ich hatte vergessen rechtzeitig meinen Reiseführer und die Landkarten vom Tisch im Zugabteil wegzuräumen. In der Folge beschäftigte sich der weibliche Teil des gemischten Polizei- Duos mit meiner Kaukasusausgabe des Lonely Planet. Nach den Äußerungen der attraktiven jungen Damen stünden da sowieso nur Lügen drin über ihr Land und sie könnte auch nicht verstehen, warum man überhaupt Geld in so ein Buch investieren könne. Nun, es ging dabei wohl in erster Linie um den Konflikt mit Armenien und den damit verbundenen Schwierigkeiten und die unterschiedlichen Ansprüche auf die Enklaven Naxivan und Nagorni-Karabach. Ich hätte nur zu gerne geantwortet, dass zu den meisten Konflikten immer zwei Parteien gehören und besagtes Buch wohl eher von objektivem, weil neutralem Charakter geschrieben wurde. Selbstverständlich blieb ich aber diplomatisch und erklärte den Besitz letztendlich lieber damit, dass sich derzeit für Aserbaidschan und Georgien nichts Besseres auf dem Markt befinden würde. Diese Antwort war auch nicht direkt gelogen, denn das dritte im Reiseführer enthaltene Land Armenien, hatte ich „nur“ einfach mit keiner Silbe erwähnt. Und genau aus diesem Grund hatte ich das armenische Visum auch nicht im Voraus beantragt! Das wird im Pass nämlich von den Aserbaidschanen überhaupt nicht gerne gesehen, bzw. kann auch zu Komplikationen führen.

Bahnhof in Baku mit insgesamt drei abgestellten Nachtzügen/ Belebte Straßenszene

 

Zweiteilige Ellok mit aserbaidschanischen Grenzbahnhof Beljuk-Kjasik / Das Werk ist vollbracht: Einfahrt in Tiflis.

Kurz nach der Abfahrt in Beljuk-Kjasik passierten wir bereits die nicht besonders abgesicherte Grenze zu Georgien. Nach einer legeren Einreisekontrolle in der Grenzstation Gardabani, es wurde praktisch nur kommentarlos der Pass gestempelt, verließen schnell zahlreiche Reisende den bis hierher noch halbvollen Zug und wurden von Verwanden und Bekannten abgeholt, denn für die wenigen letzten Meter bis in die Hauptstadt Tiflis ging noch einmal einiges an Zeit drauf. Dort angekommen präsentierte sich der Hauptbahnhof überwiegend als Großbaustelle an der aber kaum irgendwo gearbeitet wurde. Überall riesige Löcher im Bahnsteig, Treppen nur aus nacktem Beton und ohne Geländer und die Unterführung feucht und kaum ausgeleuchtet. Das riesige und schätzungsweise etwa 20 Jahre alte Empfangsgebäude war komplett abgesperrt und als Ausgang zur Straße fungierte ein seitlicher Abgang vom ersten Bahnsteig aus. Für den Fahrkartenverkauf war eine nagelneue Abfertigungshalle in die Bahnsteigüberführung eingebaut worden und dort drinnen hing sogar eine riesige elektronische Abfahrtstafel. Das war`s dann aber mit den Zuginformationen, denn weitere fanden sich auf dem gesamten Bahnhofsareal nicht mehr. Auch gedruckte Abfahrtspläne sah ich nirgends. Nach dem Geldtausch in einer Wechselstube an der Straße gelang es mir nicht eine Fahrkarte für die für übermorgen Abend geplante Rückfahrt ab Eriwan zu kaufen, da man am Auslandschalter nur Fahrscheine ab Tiflis verkaufen konnte. Übrigens gab es für jeden der beiden internationalen Züge jeweils einen eigenen Schalter.

 

 Der Nachtzug aus Baku ist in Tiflis angekommen/ Teils verwahrlost und an anderer Stelle als Bauruine, so präsentiert sich aktuell der Hauptbahnhof der georgischen Hauptstadt im Sommer 2009.

Nach der Eindeckung mit Proviant, dann um 14:15 h die Weiterfahrt westwärts bis nach Zestaponi. Bei der eingesetzten Zuggarnitur handelte es sich um einen Neubauelektrotriebwagen mit bequemen Polstersitzen. Die Strecke dorthin führte auch durch die Stadt Gori. Dort gab es letztes Jahr bei den kriegerischen Auseinandersetzungen mit Russland zahlreiche Scharmützel, unmittelbare Kriegsschäden waren aber vom Zug aus nicht mehr zu erkennen. Auch die damals von der Roten Armee gesprengte Eisenbahnbrücke war bereits vollständig erneuert und eine wohl vorübergehend errichtete Behelfsbrücke schon wieder außer Betrieb. Die Ost-Westverbindung im Kaukasus ist vor allem für Aserbaidschan von enormer Wichtigkeit, schließlich werden hier große Teile der Erdölförderung zu den Häfen am Schwarzen Meer abgefahren. Absolutes Highlight des Tages war am späten Nachmittag die spektakuläre Fahrt über die Passstrecke zwischen Chasuri und Zestaponi. Besonders beeindruckend die bergwärts fahrenden Güterzüge in Mehrfachtraktion. Dabei handelte es sich überwiegend die schweren Ölzüge aus Richtung Baku zum Schwarzmeerhafen Poti. Diese Verkehre dürften auch ein Grund dafür sein, dass sich diese Strecke, ganz im Gegensatz zu allen Übrigen im Kaukasus, in einem hervorragenden Zustand befindet.

 

Der Schnellzug von Tiflis nach Potumi hat soeben die eindrucksvolle Passstrecke absolviert und hält kurz in Zestaponi. Rechts oben ist das für unsereins wegen der georgischen Schriftzeichen unleserliche Stationsschild zu erkennen/ Sicherlich wohlverdient aber ganz bestimmt nicht den Arbeitsschutzrichtlinien entsprechend, die vermeintlich unbeobachtete Pause eines Lokführers vor seiner Maschine in Zestaponi

Aber weit bevor wir in Chasuri ankamen, gab es in meinen Wagen erst einmal kräftig Zoff. Angefangen hatte alles mit einer als Provokation empfundenen Geste eines Jugendlichen. Ein etwas angetrunkener Mann fühlte sich dadurch irgendwie angegriffen oder belästigt. Schnell haben sich die Beiden erst einmal aufs heftigste verbal attackiert und wurden kurz darauf sogar noch handgreiflich, woran auch der beherzte Einsatz eines zufällig anwesenden Polizisten, sowie des Schaffners nicht wirklich etwas änderte. Im Gegenteil, es entstand kurzzeitig ein richtiger Tumult, an dem sich auch noch andere Passagiere im Wagen rege beteiligten. Aber ich saß weit genug davon entfernt, um da irgendwie mit einbezogen zu werden und als die beiden Streithähne schließlich den Wagen verließen, wurde das entstandene Vakuum sofort von ein paar Frauen wieder ausgefüllt, welche sich fortan heftig auseinandersetzten, aber nur noch verbal, allerdings in guter Lautstärke.

Kurort Borjomi im Kaukasus. Hier entspringt ein in Osteuropa wohl bekanntes Mineralwasser. Imposante Hängebrücke in Ortsmitte und Triebzug nach Tiflis im Parkbahnhof.

Der Mittagszug nach Baikuriani verlässt Borjomi und überquert am Ortsende an einer handbedienten Schranke die Hauptstraße mit gleichem Ziel. Leider ist die nur mäßige Geschwindigkeit der Schmalspurbahn nicht gerade konkurrenzfähig.

Später in Zestaponi angekommen, galt es nun irgendwie noch das heutige Etappenziel, den Kurort Borjomi zu erreichen. Mit der Bahn wäre das schlicht unmöglich gewesen, denn ab Zestaponi gab es nach 18:00 h überhaupt keine Abfahrten mehr, also begab ich mich schnell zur nächsten Hauptstraße, um nach einer Beförderungsmöglichkeit Ausschau zu halten. Leider ähneln die georgischen Schriftzeichen in keinster Weise irgendwelchen mir bereits Bekannten, also war ich mal wieder kompletter Analphabet! Demzufolge hätte ich auch keine Anschriften an den vorbeifahrenden Kleinbussen lesen können, daher stoppte ich gleich das erste herannahende Vehikel und wurde sofort belohnt. Das war zwar (noch) nicht der Kleinbus Richtung Tiflis, welchen ich zurück bis Chasuri nutzen wollte, aber der Fahrer erklärte mir, dass er mich an der entsprechenden Abfahrtstelle außerhalb der Stadt absetzen würde. Der Rest der Reise war damit fast Routine und mit einem anderen Kleinbus fuhr ich über den nicht minder spektakulären Straßenpass zurück bis zur ersten Straßenverzweigung in Chasuri, wo ich sofort ein weiteres Fahrzeug für die Weiterfahrt nach Borjomi erwischte. In gerade einmal zwei Stunden, seit der Zugankunft in Zestaponi, war dieser Transfer schon wieder erledigt. Auch der zweite und dritte Akt, suche nach einer Unterkunft plus Abendessen, war binnen Minuten abgeklärt. Ich hatte nur Passanten nach einem Hotel gefragt und wurde im Nu von einer Frau zu einer Privatunterkunft geführt. Dort bekam ich für umgerechnet ca. 15€ ein schönes Zimmer mit Dusche und WC, sowie ein feudales Abendessen und dabei wurde wohl alles aufgetischt was gerade im Haus war. Außerdem Frühstück morgens um fünf mit anschließender PKW- Fahrt zum drei Kilometer entfernten Bahnhof, also quasi „All Inclusive“! Als ich später irgendwann beim Abendessen noch mein Tagesprogramm für den nächsten Tag bekannt gab, eine Fahrt mit der Schmalspurbahn nach Baikuriani, diskutierte das Gastgeberehepaar zunächst heftig über die genaue Abfahrtszeit des Zuges, bis schließlich die Frau das Küchenfenster öffnete und diese Angelegenheit abschließend mit der Nachbarin klärte!
Gedolmetscht hatte übrigens gelegentlich die ebenfalls im Haus lebende Tochter, welche bei Unklarheiten immer wieder in die Küche hereinzitiert wurde. Es versteht sich von selbst, dass dieser Abend nicht ohne die landesüblichen Trinkgewohnheiten absolviert werden konnte, aber mit 3-4 Gläsern Likör und vielleicht noch ein paar mehr an Hochprozentigem, ließ sich das noch ganz gut durchhalten.

„Tierisches Erlebnis“ in Baikuriani! Und im wahrsten Sinne des Wortes, denn kaum am Endbahnhof der Schmalspurbahn ausgestiegen, schon nimmt sich das örtliche „Stationsschwein“ meiner an und mir fällt da nichts Besseres ein, als immer wieder wegzulaufen. Leider bietet sich keine Gelegenheit das mit dem Zug irgendwie in Szene zu setzen, daher muss ich das „Beweisfoto“ schuldig bleiben/Nach Rückkehr des Morgenzuges wird in Borjomi vor der zweiten Fahrt die Lok gewechselt.

 Montag, 27.07.2009

In Borjomi gibt es übrigens zwei Bahnhöfe, wobei im zentrumsnahen Bahnhof Borjomi Park die drei Triebzugpaare aus Tiflis abfahren. Diese nutzen die direkt am Empfangsgebäude gelegenen Stumpfgleise, während die Nachtzugverbindung bis nach Vale und Güterzüge das erhöht angelegte Streckengleis nutzen, welches ebenfalls mit einem Bahnsteig ausgestattet ist. Die Abfahrtstelle der Schmalspurbahn befindet sich jedoch im etwas außerhalb gelegenen Bahnhof Borjomi. Dort halten Aufgrund des nur dürftigen Zugangebotes gibt es im modernisierten Bahnhof von Borjomi keine brauchbaren Umsteigeverbindungen zwischen den Breitspurzügen und der Schmalspurbahn zwar auch alle Breitspurzüge, aber günstige Umsteigeverbindungen sind leider Fehlanzeige, dafür sind die Fahrpläne einfach viel zu dürftig. Der Morgenzug nach Baikuriani bestand aus einer kleinen grün lackierten Altbauellok und drei schön restaurierten Wägelchen hinten dran. Zwei davon allerdings mit unbequemen Plastiksitzen, daher stieg ich in den Dritten ein. Der Schaffner hatte zunächst etwas dagegen, auf meiner Fahrkarte war wohl ein bestimmter Wagen und Sitzplatz vermerkt, aber das erledigte sich schnell und ich durfte auf den Polstersitzen bleiben.

 

 

Jede Fahrt hat, (zum Glück nur manchmal), Gott sei dank auch irgendwann einmal ein Ende! Die Fahrt im Nachtzug von Eriwan hat ihres im Hauptbahnhof von Tiflis gefunden. Sowohl der von mir genutzte Schlafwagen und dessen Betreuer, wie auch mein Abteilgenosse präsentierten unterstes Niveau.

Die Strecke ist selbstverständlich eine Gebirgsbahn vom Feinsten, mit Kehrschleifen, Brücken usw. Vielleicht einziges Manko, man fährt auf der halben Strecke immer durch dichten Wald und das versperrt einem meist die Aussicht hinunter ins Tal. Nach über zweistündiger Fahrt am Endpunkt angekommen, widerfuhren mir bislang unbekannte tierische Erfahrungen, genau genommen könnte man dazu auch sagen Schweinische! Pfui, aber nicht was jetzt manche wieder denken mögen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Denn kaum aus dem Zug ausgestiegen, schon machte ich wohl Bekanntschaft mit dem örtlichen Stationshausschwein, welches mich fortan eine ganze Weile kreuz und quer durch den Bahnhof verfolgte. Das muss für alle Anwesenden ziemlich lustig ausgesehen haben, aber ich hatte keinen anderen Plan mit so einer Sau umzugehen. Nach der Rückfahrt hatte ich Borjomi fahrplanbedingt einige Stunden Zeit, diesen beschaulichen Kurort einmal näher kennenzulernen. Von hier kommt auch ein berühmtes Mineralwasser, welches in viele der ehemaligen Ostblockstaaten exportiert wird. Mein Rundgang führte mich zunächst an einen noch im Ort gelegenen Bahnübergang der Schmalspurbahn, um den Mittagszug nach Baikuriani zu fotografieren. Danach ging es in den Kurpark, wo ich nach dem Mittagessen bei einem kühlen Bier schön bis zur Abfahrt des Zuges relaxen konnte. Die Bahnfahrt am späten Nachmittag bequem und spottbillig zugleich: Für viereinhalb Stunden Fahrvergnügen bezahlte ich gerade einmal etwa 50 Cent. Allerdings handelte es sich diesmal um einen Nahverkehrszug ohne Platzreservierung und bereits wenige Stationen nach der Abfahrt in Borjomi war der Elektrotriebwagen heillos überfüllt, was zwar bis Gori langsam wieder etwas besser wurde, sich aber bis Tiflis nie völlig entspannte. Zum Glück konnte ich in diesen Zug bereits ab dem Abgangsbahnhof einsteigen und hatte so meinen Sitzplatz rechtzeitig gesichert.

Bleibt noch anzumerken, dass wegen extrem schlechtem Gleiszustand für die ersten 30 Kilometer bis zur Einmündung in die Hauptstrecke von Poti nach Tiflis in Chasuri über 90 Minuten Fahrzeit benötigt wurden. Diesbezüglich noch krasser wäre der von mir nicht benutzte Nachtzug nach Vale: Dieser benötigt laut Fahrplan für die an sich läppischen 60 Kilometer hinter Borjomi fast die ganze Nacht!

Nur bedingt zu gebrauchen, der Flughafenshuttle in Tiflis. Zwar verkehrt der Zug praktisch rund um die Uhr, leider jedoch nur etwa im Vierstundentakt./Wieder einmal abgehoben: Abflug in Tiflis mit Blick auf den Hauptbahnhof.

Am späten Abend wieder in Tiflis angekommen, musste ich mir dann noch eine Unterkunft suchen. Angesichts der nur kurzen Nachtruhe und der in Tiflis recht happigen Hotelpreise, hatte ich eine preiswerte Herberge aus dem Lonely Planet Reiseführer anvisiert. Aber der Weg dorthin gestaltete sich etwas schwierig. Zunächst kostete die belastbare Orientierung in der Dunkelheit nach Verlassen der unterirdischen Metrostation einige Mühe. Und anschließend konnte ich die Unterkunft nur anhand der Hausnummer tatsächlich auch finden. Denn mehrmals war ich zuvor an dem unbeleuchteten und in keinster Weise gekennzeichneten Hoftor vorbei gelaufen, wobei auch Einheimische auf der Straße keine wirkliche Hilfe darstellten.
Aber dann hatte ich schnell zwei Straßenecken weiter noch eine große Bierflasche gekauft und setzte mich zu den übrigen Übernachtungsgästen verschiedenster Nationalitäten, welche im Innenhof an einem Tisch saßen.

Dienstag, 28.07.2009

Nach nur kurzer Nachtruhe stelle am frühen Morgen das verschlossene Hoftor kurzzeitig ein Hindernis für mich dar. Es hätte eigentlich offen sein sollen, so hatte ich das mit der netten Besitzerin, eine ältere Frau aus England, ausgemacht. Also musste ich mir kurzerhand selbst helfen und zog den Arretierungsbolzen der eine der beiden Torhälften sicherte einfach nach oben. Zusperren konnte ich das Tor anschließend nicht mehr, das verhinderte erfolgreich der natürlich immer noch herausragende Schließbolzen. Ich glaube in Ungarn bin ich vor Jahren einmal ähnlich ausgebrochen. Für die Fahrt zum Flughafen benutzte ich ein Taxi und nicht die neueröffnete Flughafenbahn, denn deren Fahrplan ist dermaßen bescheiden und man hätte bereits über vier Stunden vor dem Abflug aufbrechen müssen, womit sich die Übernachtung im Prinzip auch erübrigt hätte.

 

 Der imposante Bahnhof in Eriwan. Neben einer Handvoll Vorortzügen gibt es noch einen täglichen Nachtzug nach Georgien. Die Grenzen zur Türkei und in die aserbaidschanische Enklave Naxivan sind aus politischen Gründen schon jahrelang dicht. 

Mit der armenischen Fluggesellschaft „Armavia“ flog ich in knapp einer dreiviertel Stunde in einem Airbus A-320 nach Eriwan. Das hatte ich bewusst so gewählt, um dort am Flughafen ein Visum zu erhalten. Ob das auch im Zug möglich gewesen wäre, konnte ich nicht verbindlich klären und daher war mir diese Variante, mit dem Risiko nachts an der Grenze aus dem Zug geworfen zu werden, viel zu unsicher. Das Visum kostete am Flughafenschalter in Eriwan nur etwa 8 € und damit hatte ich sogar die Flugkosten fast herein geholt, denn zu hause beim Konsulat beantragt, wäre der Spaß mit den Portokosten auf insgesamt 55 € gekommen! Und dazu noch die Problematik mit Aserbaidschan, wenn man dort mit armenischen Vermerken im Pass aufkreuzen würde. Die Einreise nach Armenien klappte schnell und problemlos, ebenso die Weiterfahrt mit einem Mikrobus in die Stadt. Den weiteren Tagesverlauf gestaltete ich kurzweilig und zunächst mit einer Visite am Bahnhof, um die Fahrkarte für den Nachtzug zurück nach Tiflis zu erwerben.

 

 Szenen aus Eriwan

 

Und noch mal die Innenstadt der armenischen Hauptstadt

Nach dem Ausprobieren mehrerer Schalter, erhielt ich schließlich die Auskunft, dass ich am Nachmittag nochmals kommen sollte oder eben erst am Abend kurz vor der Abfahrt. Somit war erst einmal dezentes Fotografieren auf dem Bahnsteig angesagt und kaum waren meine Aufnahmen im Kasten, schon wurde mein Treiben von der Militz wieder unterbunden.
Aha und ganz im Gegensatz zu Georgien, wird das in Armenien also nicht immer geduldet, zumindest nicht hier von dieser Streife. Auch in Eriwan gibt es eine Metro, die eingesetzten Garnituren sind aber viel kürzer als jene in Baku und Tiflis und meistens auch nur relativ schwach besetzt. Nun, an den Fahrpreisen kann das nicht liegen, denn die sind selbst für hiesige Verhältnisse mehr als moderat und betragen umgerechnet nur wenige einzelne Cent. Einen Großteil der Zeit verbrachte ich anschließend in einem Stadtpark mit vielen Lokalen, bevor ich mich am frühen Abend wieder Richtung Bahnhof aufmachte. Dort gelangen mir vor dem Einsteigen in den Zug noch schnell ein paar Fotos und viel wichtiger, ein gutes Bier im Bahnhofscafè fiel ebenso noch ab, wobei es sich beim straßenseitigen Außenbereich der Bahnhofsgaststätte um eine wahre Oase handelte, mit viel Grün, Brunnen und einigen Bäumen drum herum.

 

Vor der Abfahrt nach Tiflis in Eriwan fotografiert: Der zumindest für mich denkwürdige internationale Nachtzug nach Tiflis/ Ein durch dichte Wolken fast verschlossener Blick bis hinter die türkischen Grenzlinien auf den über 5000 Meter hohen Berg Ararat.

Die nun folgende Fahrt mit dem Nachtzug von Eriwan nach Tiflis werde ich so schnell sicher nicht vergessen und leider im negativen Sinne. So freute ich mich anfangs noch darüber, dass der Provodnik (Wagenschaffner) mir ein anderes Abteil als gebucht zuteilte, denn meines war bereits mit einer Person besetzt. Toll dachte ich, dann würde wohl niemand mehr dazu kommen und wollte mich schon ein wenig häuslich einrichten. Aber mitnichten!

 

Schwerer Güterzug auf einem Vorortgüterbahnhof von Eriwan

Keine fünf Minuten vor Abfahrt gesellten sich zwei sichtlich angetrunkene Kerle mit allerhand Utensilien zu mir ins Kupe- Abteil und zwar der Eine mit dem Prädikat ziemlich unmöglich und der Andere absolut untragbar! Der wollte mit mir auch sofort auf gut Freund machen, ständig meine Hand schütteln und war drauf und dran mich zuzutexten. Zum Glück war das nur der Begleiter und der konnte trotz seines unübersehbaren Vollrausches kurz vor der Abfahrt noch aus eigener Kraft wieder aussteigen. Zu meiner Überraschung war der zweite Typ noch eine ganze Weile einigermaßen ertragbar. Zwar nervte es schon ein wenig, sich ständig mit seinen paar Brocken Englisch auseinander setzen zu müssen, aber man ist ja in einem fremden Land erst einmal freundlich. Aber konsequent ablehnend war ich bei seinen hochprozentigen Angeboten von Anfang an. Später auf dem Flur stehend, um nach dem über 5000 Meter hohen Berg Ararat auf türkischer Seite Ausschau zu haltend, wurde für mich die Grenze des Zumutbaren aber irgendwann klar überschritten. Der Typ nervte immer mehr und wie weniger ich darauf einging, desto penetranter wurde er mit seinem ständigen sinnleeren Gelaber. Im Zugabteil hatte er sich zwischenzeitlich mit seinem ganzen Kram dermaßen ausgebreitet, dass ich theoretisch darin schon gar keinen Platz mehr gehabt hätte. Zwei Musikinstrumente waren auch dabei und die Klänge seiner Musizierversuche kann ich an dieser Stelle überhaupt nicht beschreiben, so schrecklich waren die. Auch betonte er immer wieder, er würde extra für mich spielen und forderte mich mit „Come in my Castle“ laufend auf, endlich zurück ins Abteil zu kommen. Nie und nimmer wollte ich mit dieser Person gemeinsam in einem Abteil sitzen, geschweige denn dort die Nacht verbringen! Also Abteilwechsel und zwar auf eigene Faust! Denn der ebenfalls trinkfreudige Provodnik (Wagenschaffner) gesellte sich zu allem Überfluss auch noch regelmäßig dazu und hatte überhaupt kein Verständnis dafür, warum ich unbedingt ausziehen wollte! Und es ging noch weiter: Mein unliebsamer Abteilgenosse tauchte plötzlich sogar noch in meinem neuen Quartier auf, um mich weiter zu nerven. Als der dann meine Wasserflasche in die Hand nahm und an meinem Essen herumfingern wollte, da war das Maß übervoll und nach nur kurzer, aber energisch bestimmter Verbalattacke, ist der Typ dann endgültig abgezischt!
Bleibt noch kurz anzumerken, dass der Zug selbst fast ebenso eine Zumutung war: Kaputte Sitzpolster, schmuddelige Bettwäsche, defekte Lampen, Toiletten ohne Wasser und diese Liste fortzusetzen, das wäre endlos!

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